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Das Schweizer Andermatt: Da wo‘s teuer wird…

Das kleine Andermatt am Gotthard soll ein mondäner Ferienort werden

Zuletzt stoppten an diesem Ort nur Urlauber auf der Fahrt nach Italien, um mal OO-Pause zu machen und weil der Gotthard-Tunnel mal wieder komplett verstaut war. Andermatt, an dessen Hängen man ganz passabel Ski fahren kann, war in 1440 Metern Höhe einst eine goldene Adresse. Dann aber ab dem 1. Weltkrieg kein großer Präsensfleck mehr auf der touristischen Schweizkarte. Das ändert sich gerade wieder. Ein Hotel-Leuchtturm mit besten Aussichten ist schon da.

Die Nähe zur Bergnatur – wie hier das Göschenental – soll Andermatt wieder zu alter Tourismuspräsens verhelfen (Foto: Alexander Richter)
Göschenental Schweiz

Wer heute vom Bahnhof kommend, an dem auch der berühmte Glacier-Express Station macht, die Gotthardstraße entlangschlendert, staunt nicht schlecht: Aus diesem normalen Schweizer Alpendorf mit vielen hübschen Urschner Holzhäusern, in dem die Gastronomie mit hübschen Serviertöchtern in Häuser mit Allerweltsnamen wie „Post“ und „Bären“ lädt und ein Coop ebenso wie eine Tankstelle in der Dorfmitte Charme mit Blässe hochleben lässt, soll einmal ein neues mondänes „Da-Vos-Teuer ist“ werden? Kaum vorstellbar, sollte man meinen.

Projekt „Andermatt Swiss Alp” oder auch „Da-Vos-Teuer-ist”

Einer aber konnte und kann sich das vorstellen: Samih Sawiris, ein Unternehmer aus Kairo, der in Berlin studiert und u.a. das Touristenzentrum El Gouna am Roten Meer hochgezogen hat, heißt dieser Visionär. Er bringt viel Geld mit und will noch mehr Geld verdienen und hat daher Gutes mit Andermatt im legendären Kanton Uri im Sinn.

Holzhäuser im Urschner Stil bestimmen das Dorfbild im schweizerischen Andermatt (Foto: Alexander Richter)
Downtown Andermatt

Und wie immer, wenn solche Zukunftspläne bekannt werden, die auch mit Veränderung zu tun haben, melden sich Gegner und Befürworter gleichermaßen. Das Projekt „Andermatt  Swiss Alps“, dessen Startschuss längst gefallen ist, sieht mitten im Dorf-Allerlei hochwertig Neues vor: Hotels im Vier- und Fünf-Sterne-Segment. Teure Ferienappartements, Residenzen und Chalets, die auch Nicht-Schweizer Interessenten für minimum 455.000 Schweizer Franken erwerben können. Ein Kongresszentrum, ein Golfplatz und eine Schwimmhalle. Auch eine Ski-Arena, für die der lokale Ex-Olympiasieger Bernhard Russi verantwortlich zeichnet, ist in Arbeit. Auf ihr sollen bis 2017/18 die beiden bestehenden Skigebiete von Andermatt und Sedrun auf 120 Pistenkilometern miteinander verbunden sein.

Der Göscheneralpsee liegt oberhalb von Andermatt inmitten idyllischer Schweizer Bergwelt (Foto: Alexander Richter)
Göscheneralpsee Andermatt

„Die Bauten machen Andermatt kaputt“, kritisieren die einen, da gäbe es dann künftig zwei Dörfer, ein altes und ein neues. „Andermatt ist längst kaputt“, halten die anderen dagegen. Wobei letztere nicht so ganz unrecht haben. Jahrzehntelang war das Städtchen unterhalb von Gotthard und Furka ein Truppen-Tummelplatz des Militärs. Als den Soldaten die Feinde ausgingen und Bern nicht mehr für kriegerische Spiele zahlen wollte, zog das Militär weiter und hinterließ viele leere, klotzige Bauten, graue Kasernen und viel verbrannte Erde mitten im Dorf, das noch nicht einmal eine Klinik hat. Was tun?

Andermatt: Hochgeschätzt von Goethe und Schiller

Im anschaulichen Tal- und Heimatmuseum der Urser erfahren wir Erstaunliches: Der große Goethe machte Andermatt dereinst gleich dreimal seine Aufwartung und schrieb 1779 ins Gästebuch: „Mir ist’s unter allen Gegenden, die ich kenne, diese die liebste und interessanteste…“ Und Dichter-Kollege Schiller setzte sogar noch einen drauf: „…aus der Lebensmühen und ewiger Qual, möcht‘ ich fliehen in dieses glückselige Tal!“

Über die Entstehung der Teufelsbrücke über der Schöllenenschlucht ranken sich viele Sagen und Legenden (Foto: Alexander Richter)
Teufelsbrücke über Schöllenenschlucht

Nun: Man schreibt in Gästebücher immer irgendwelche Nettigkeiten, und Bella Italia bereiste der große Poet aus Frankfurt sowieso erst später. Aber: Einige vorzeigbare und heimelige Orte und Plätze hat das Alpendorf mit seiner Umgebung am Gotthard-Pass tatsächlich zu bieten. Da ist die wildromantische Schöllenenschlucht mit Teufelsbrücke. Die allererste Brücke soll der Sage nach der Teufel höchstpersönlich gebaut haben, weil sich die Urser als Baumeister blamierten. Der Satans-Deal war, dass jener die erste Seele bekommen sollte von demjenigen, der die Brücke als Erster überquerte. Und plötzlich waren die Urser dann wieder ganz clever und schickten einen Ziegenbock hinüber…

Ausgangspunkt abenteuerlicher Passfahrten

Da sind oberhalb von Andermatt inmitten schönster Schweizer Bergnatur die Wasserwelten Göschenen mit See und Alp. Da sind es im Wasserschloss Europas Katzensprünge auf dem Vier-Quellen-Weg zu den schmalen Wasserwiegen von Rhein, Rhone, Reuss und Ticino. Da sind es acht abenteuerliche Passfahrten mit dem ebenso gelben wie typischen Schweizer Postbus. Und da ist der Gotthard, jener berggewordene Steinmythos, der in seinem Inneren ein Museum und mit La Claustra sogar ein Vier-Sterne-Hotel in der Tiefe beherbergt.

Das Vier-Sterne-Hotel La Claustra befindet sich tief im Gotthardgebirge (Foto: Alexander Richter)
Hotel La Claustra im Gotthardgebirge

„Goldfinger“, der legendäre James Bond-Streifen, ist zum Teil in der Region gedreht worden, und die gesamte Filmcrew mit Sean Connery als OO7 hat die Andermatter Hotellerie für Wochen beglückt. Richtig werbetechnisch vermarktet wird dies bis heute nicht. Was auch für das wahrscheinlich kleinste Dorf der Schweiz gilt: In Zumdorf am Furka-Pass leben auf einem Hof mit eigenem Ortsschild gerade mal vier Menschen.

Internationale Luxushotels und beschauliche Gasthäuser

Zurück ins große Dorf. Mittendrin, fußläufig zum Bahnhof, hat „The Chedi Andermatt“ nach der Eröffnung Ende 2013 das Bergdorf auf die Star-Bühne der internationalen Luxushotellerie gehievt. Jetzt hat das schmucke Haus auch seine Kinderkrankheiten überwunden. Es entwickelt sich – auch wegen seines erstklassigen SPA mit großem Außenpool – zu einer allerersten, weil hochwertigen Wohlfühladresse. Viel Holz ist verbaut worden, was zum Stadtbild und zur Gemütlichkeit passt. Die 105 Zimmer und Suiten als großzügig zu bezeichnen, ist eine Untertreibung. Der Mix aus asiatischen Design-Elementen und alpenländischem Flair hat was – allein 200 Kamine sorgen für gemütliche Wärme, auch wenn die oft nur aus der Steckdose kommt.

Im „The Chedi Andermatt” verbinden sich asiatische Designelemente mit alpenländlischem Flair (Foto: Alexander Richter)
The Chedi Andermatt

Und dennoch bei allem Lob: Das Chedi wirkt so, als ob ein Ufo vom Planet Utopia eine außerplanmäßige Landung am Gotthard probiert hätte. Es wird sich zeigen, ob und wie die internationalen Hotelgäste hier heimisch werden. Immerhin: An der Kaminbar jedenfalls treffen sich auf einen Apero am Abend Einheimische und Gäste – im Dorf werden ab 20 Uhr die Bürgersteige hochgeklappt. Der Wirt im Gasthaus „Zum Sternen“, Manfred Oberbillig, ein Mann aus der Eifel, sagt es so: „Unsere schöne Region ist wieder im Gespräch. Und das ist gut so.“ Neid kommt bei ihm nicht auf. „Wir profitieren doch alle“, hofft er. Bei ihm wohnt man in einem kleinen Doppelzimmer für 150 Franken, was im Vergleich zum Luxus-Hotel ein Schnäppchen-Preis ist – die Chedi-Nacht beginnt bei rund 670 Franken.

Man hat große Pläne mit Andermatt. Es soll attraktiver für Touristen werden (Foto: Alexander Richter)
Andermatt Schweiz

Das neue Andermatt ist im Bau, alles laufe planmäßig, heißt es. Und damit die Anbindung von Alt und Neu auch rein äußerlich gelingt, wird der Bahnhof, der genau in der Mitte liegt, gedreht. Man darf gespannt sein, wie das alles funktionieren wird.

Text und Fotos: Alexander Richter

Hinweis der Redaktion
Dieser Reisereport wurde unabhängig recherchiert, fotografiert und geschrieben. Organisatorische Unterstützung leistete Andermatt Tourismus.

Alle Angaben wurden vom Autor nach bestem Wissen und Gewissen zusammengestellt und von der Redaktion von Hayit Medien und Fernweh.de überprüft. Allerdings kann keine Gewähr oder Haftung für einen etwaigen Schaden übernommen werden.

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