Wo Naturliebhaber voll auf ihre Kosten kommen
Sie liegen zwischen Europa und Amerika mitten im Atlantik. Die neun Vulkan-Eilande der Azoren. Von der Natur verwöhnt und vom großen Touristenansturm bisher verschont. FERNWEH stellt ihnen vier der Wetter-Inseln vor
Als die Maschine der Air Portugal zur Landung auf São Miguel ansetzt, sehe ich durchs linke Fenster nichts als Wasser, das sich etwa über 2000 km bis zu Portugals Westküste hinzieht. Der Atlantische Ozean. In die andere Richtung ist es bis nach New York etwa das Doppelte der Strecke. Mitten in den endlosen Weiten des Atlantik liegt die Inselgruppe der Azoren. Neun vulkanische Inseln. Eine schöner als die andere. Ein großartiges Erlebnis für Naturfreunde.
Europas westlichster Punkt
Der rotweiße Airbus hat inzwischen sanft auf der Piste des Aeroporto Ponta Delgada aufgesetzt: Willkommen in der Hauptstadt der Azoren. Mein erster Blick geht zum Himmel. Dunkle Wolken ziehen, und es nieselt etwas an diesem Abend im Mai. Nur rechts hinter dem modernen Glasbau des Flughafens öffnet sich ein kleines Wolkenfenster.
Das blaue Schild mit den Eurosternen ist nicht zu übersehen. Die Azoren, ebenso wie Madeira eine autonome Inselgruppe, gehören zu Portugal. Und Portugal ist seit 1986 Mitglied der Europäischen Union. Diese Verbindungen sind offensichtlich von Vorteil für Europas westlichsten Punkt. Der neue Flughafen von Ponta Delgada ist nur ein Beispiel von vielen für die rasante Entwicklung in den letzten Jahren. Von Europaverdrossenheit ist auf den Azoren nichts zu spüren.
Als das Taxi mein Hotel in der Stadt erreicht, kommt wie auf Bestellung noch einmal die Sonne hervor und taucht die breite Hafenpromenade in ein mildes Abendlicht. Traumlicht für jeden Fotografen.
Von der Welt vergessen
Es ist noch nicht lange her, da waren die Azoren von der Welt vergessene Inseln, irgendwo draußen im weiten Atlantik. Erst mit Beginn einer ständigen Wettervorhersage, die von Prinz Albert I. von Monaco (1848-1922), der mehrmals die Azoren besuchte, ins Leben gerufen wurde, machte das „Azoren-Hoch“ die Inseln populär. Prinz Albert gehörte zu jenen Wissenschaftlern, die schon beizeiten die Bedeutung des Azoren-Hochs für das Wettergeschehen in Westeuropa erkannten. Auf einem Hügel über der Stadt Horta entstand eine meteorologische Beobachtungsstation, die noch heute besichtigt werden kann.
Die Ära der Nachrichtenübermittlung durch gigantische Unterseekabel zwischen Europa und Amerika begann 1893. Im Jahre 1900 wurde die „Deutsch-Atlantische Telegraphengesellschaft“ gegründet. Ein Unterseekabel verband die Insel Borkum mit Horta und später mit New York. Im „Cafe Internacional“ scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Die stilechte Einrichtung aus der Zeit um 1926 läßt Erinnerungen an jene Zeiten aufkommen, als hier die Damen und Herren von den Kabelgesellschaften ihren Kaffee einzunehmen pflegten. Mit dem Fortschritt der drahtlosen Nachrichtentechnik verloren die Kabelstationen im Atlantik in den 60er Jahren rasch an Bedeutung.
Die Besiedlung der Inseln begann um 1440, etwa zehn Jahre nach ihrer Entdeckung auf Betreiben von Heinrich dem Seefahrer. Zu den ersten Siedlern gehörten Bauern aus Nordportugal, dem südlichen Alentejo und der Algarve. Nach dem Ende Portugals goldener Epoche um 1580 herrschten die Spanier im Land. Die Azoreaner verweigerten jedoch die Gefolgschaft. 1583 eroberten die Spanier die Stadt Angra; 1640 erlangte Portugal seine Unabhängigkeit zurück. Unruhige Zeiten mit diktatorischen Regierungen folgten. Der Beginn einer für die meisten Azoreaner neuen Epoche fiel mit Portugals friedlicher Nelkenrevolution im Jahre 1974 zusammen. Die Azoren und Madeira erhielten einen autonomen Status.
Hauptattraktion Natur
Der Schritt vom Armenhaus in die Gegenwart war gewaltig. Der Fortschritt ist allgegenwärtig. Eselskarren und neueste Automarken gehören zum Alltag. Auch mit dem Tourismus geht es aufwärts. Immer mehr Besucher erliegen dem Charme dieser Inseln, auf denen „nichts weiter los“ ist, was aber gerade für viele so anziehend ist. Hier ist die Natur die Hauptattraktion. Kamelien und Azaleen blühen zu Tausenden ab Februar. Im Sommer säumen kilometerlange Hortensienhecken Straßen und Felder. Gefragt sind hier Wanderschuhe, Tauchutensilien und Angelzeug. Es gibt schöne Sandstrände, oder man badet in geschützten Naturschwimmbädern an bizarren Lavaküsten. Vom Massentourismus ist diese Idylle bisher verschont geblieben.
Pulsierendes Leben
Am nächsten Morgen wache ich spät auf und plane das Programm der nächsten Tage. Ich entscheide mich für die Inseln São Miguel, Terceira, Faial, Pico. Ein guter Querschnitt, wie sich im nachhinein bestätigen sollte.
São Miguel ist mit 760 qkm die größte Insel der Azoren. Hier lebt etwa die Hälfte der ca. 250.000 Einwohner. In der Hauptstadt Ponta Delgada mit mehreren großen Hotels, einem Einkaufszentrum und zahlreichen Geschäften pulsiert das Leben. Die Straßen der Altstadt sind für den rasanten Verkehr zu eng geworden. Ponta Delgada bietet eine Reihe sehenswerter historischer Bauwerke wie das Stadttor von 1793, den Largo de Gonçalo Velho Cabral oder die Hauptkirche Igreja Matriz de São Sebastião. Mit Auto oder Bus ist man schnell im Grünen. Die wunderschönen Kraterseen Sete Cidades und Lagoa das Furnas gehören zu den Perlen der Insel, ebenso der reizvolle Terra Nostra-Park. Der wohl schönste Kratersee, der Lagoa do Fogo, liegt in etwa 600 m Höhe in der Mitte der Insel. Um die Krater führen Wanderwege mit herrlichen Ausblicken. Auf den saftigen Wiesen grasen Kühe, die keine Ställe kennen.
Stierkampf für Mutige
Terceira ist die Insel der Heilig-Geist-Tempel. Jene farbenprächtigen Kapellen sind der Mittelpunkt traditioneller Volksfeste, die auf Terceira besonders inbrünstig gefeiert werden. Die meisten dieser Impérios stammen aus dem vergangenen Jahrhundert. Gepflegt und unterhalten werden sie von den Einwohnern, von der Kirche sind sie unabhängig. Man sollte die Gelegenheit nutzen dabeizusein, wenn in einem der Wohnviertel das Heilig-Geist-Fest mit traditioneller Musik gefeiert wird . Und noch etwas sollte man sich auf Terceira nicht entgehen lassen: den Stierkampf auf Straßen und Plätzen der Dörfer. Jeder Mutige kann sich dem Stier in den Weg stellen. Als rotes Tuch dient oft ein bunter Regenschirm. Der Degen ist tabu. Gefährlich werden kann es eigentlich nicht, denn mehrere kräftige Burschen halten den Bullen mit einem Seil zurück, wenn es brenzlig werden sollte.
Terceiras Hauptstadt Angra do Heroismo zeigt sich heute wieder in einem schönen Outfit. Mit breiten Straßen, großen Plätzen, gesäumt von prächtigen Bauten, hebt sie sich ab von der Enge der anderen Azoren-Städte. Ganze Straßenzüge wurden stilecht restauriert. Das Stadtbild erinnert an die Zeit der großen Entdeckungen, als Angra eine bedeutende Seefahrerstadt war. Restauriert und gebaut wird praktisch seit 1980, als am Neujahrstag ein nur 11 Sekunden andauerndes Erdbeben weite Teile der alten Stadt zerstörte. Mit großem Elan gingen die Einwohner an den Wiederaufbau, unterstützt von der UNESCO, die Angra auf die Liste der Weltkulturgüter der Menschheit setzte. Die Architekten der neuen Stadt orientierten sich streng am historischen Vorbild, so daß die Stadt heute zu Recht als schönste der Azoren gilt.


