Die Berliner Verkehrsunterwelt ist ein Mikrokosmos für sich
Von Frank Tetzel
Für nur zwei Euro und zehn Cent kann man innerhalb der Berliner Stadtgrenze U- und S-Bahnen benutzen und dabei nicht nur von Spandau nach Neukölln fahren, sondern das wirkliche Berliner Leben kennen lernen.
In den Berliner U-Bahnen sitzen Schlipsträger aus den Ministerien neben den Übriggebliebenen der vergangenen langen Nacht, Hausfrauen, Geschäftsleute, Facharbeiter, Lehrer, Hartz IV-Empfänger, türkische Mamas, russische Klavierlehrer und Studenten aus aller Herren Länder einträchtig nebeneinander. Viele sind in ihre Zeitungen vertieft, andere dösen ihrer Arbeit entgegen, und einige starren auf das „Berliner Fenster“. Das U-Bahn-Fernsehen liefert den neuesten Klatsch und Tratsch aus der Hauptstadt und der Welt. n-tv steuert Börsen- und Wirtschaftsnachrichten und die Wettervorhersage bei. Zwischen zwei oder drei Haltestellen erfährt man so auf dem Weg von oder zu der Arbeit das vermeintlich Wichtige des Tages. Unterbrochen wird die Informationsaufnahme hin und wieder durch Verkäufer der Obdachlosenzeitungen „Motz“ oder „Straßenfeger“, die ihre Produkte an den Mann oder die Frau bringen wollen. Die meisten U-Bahn-Passagiere schauen dann peinlich berührt oder indigniert zur Seite. Doch mit vier bis sechs Euro pro Wagen können die Verkäufer immer rechnen. Für Abwechslung auf einer U-Bahn-Fahrt sorgen überdies noch selbst ernannte Musiker. Sie versuchen die Fahrgäste mit allerlei Gerätschaften – wovon Gitarren noch die harmloseren sind – mehr oder weniger professionell zu unterhalten. Hier zahlt man dann eher fürs Aufhören. Andererseits gibt es begnadete Musiker, die ihre Stammplätze im unterirdischen System der Stadt haben. So gibt es einen Akkordeonspieler an der U-Bahn-Station „Bayerischer Platz“, der virtuos die Bach′sche Toccata und Fuge in d-moll spielen kann. In den unterirdischen Gemäuern und Gängen fühlt man sich dann wie in einer Kathedrale.




