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Haworth: Ein Mekka für Literaturpilger

Haworth ist mehr als nur ein reizendes Dorf im Norden Englands – es ist die Heimat der Brontë-Schwestern, die in der einsamen Moorlandschaft Yorkshires Romanklassiker schrieben.

Haworth im Norden Englands: Heimat der berühmten Brontë-Schwestern (Foto: Sabine Mattern)
Haworth in Yorkshire

Weiß und fragil wabern Dampfschwaden an den Fenstern des Zuges entlang, den das düstere Ungetüm seiner Lok schnaufend über die Gleise lenkt. Die vorbeiziehende Landschaft gibt sich dabei alle Mühe, den Passagieren der Keighley and Worth Valley Railway zu gefallen – mit kräftigen Hügeln, über die sich Wiesen und Weiden wie dicke Teppiche spannen, hie und da unterbrochen von Baumgruppen oder Häusern, und immer wieder von niedrigen Steinmauern in geometrische Formen zerlegt, zwischen denen Schafe ihre wolligen Silhouetten in sattes Grün sprenkeln.

Der Bahnhof von Haworth ist eine Station auf der Eisenbahnstrecke zwischen Keighly und Oxenhope und versprüht einen Hauch von Nostalgie (Foto: Sabine Mattern)
Keighly Worth Valley Railway in Haworth

Die Strecke der historischen Eisenbahn zwischen Keighley und Oxenhope ist nur kurz. Trotzdem steigen die meisten Fahrgäste bereits im Dorf Haworth aus. Für sie endet die Reise am einzigen Gleis eines nostalgischen Bahnhofs, den die Zeit verschlungen zu haben scheint. Sobald der Zug weiterfährt, entfernt der Stationsvorsteher das Holzschild mit der Aufschrift „Oxenhope“ aus der Halterung neben der Ausgangstür, stellt es zu anderen in eine Kiste und befestigt einen neuen Hinweis in der altmodischen Vorrichtung, so dass es über das Ziel des nächsten Zuges kein Vertun gibt.

Die Reisenden haben indes das Bahnhofsgebäude verlassen. Es sind meist Literaturpilger, die der Heimat der berühmten Brontës einen Besuch abstatten und vielleicht auch auf den Spuren der schreibenden Schwestern durch die umliegenden Moore der Pennine Hills im Westen Yorkshires wandern wollen. Doch zunächst führt sie eine Fußgängerbrücke und ein sich anschließender Park an den Anfang der Main Street.

Viele der Häuser entlang der Hauptstraße von Haworth stammen noch aus dem 19. Jahrhundert (Foto: Sabine Mattern)
Main Street in Haworth, England

Kontrast zwischen gestern und heute
Grob gepflastert eilt die Hauptstraße steil bergauf, begleitet von ehemaligen Weberhäusern, deren Fassaden alle aus dem gleichen gelblichen, vom Alter geschwärzten Stein bestehen. „Die meisten stammen aus dem 19. Jahrhundert“, weiß Brontë-Experte Johnnie Briggs über die restaurierten Cottages, hinter deren Fenstern Läden, Wohnungen und Teestuben liegen und vor deren Türen es üppig aus Blumenkübeln blüht. Ein malerischer Anblick, der sich dem neuen Pfarrer im Jahr 1820 so sicher nicht bot – als Patrick Brontë mit Frau und sechs kleinen Kindern in dem elenden Arbeiterdorf Haworth ankam und sich die Umzugskarren der Familie die Main Street hinaufquälten.

In einer Gruft der St. Michael and All Angels’ Church in Haworth ruhen alle Brontës – mit Ausnahme der jüngsten Tochter Anne (Foto: Sabine Mattern)
Kirche in Haworth

Am Ende der Straße und erhöht über einem zauberhaften Platz steht die Kirche, die 1879 das zu klein gewordene Gotteshaus, in dem Patrick seine Predigten gehalten hatte, ersetzte. Besonders an Regentagen empfängt die St. Michael and All Angels’ Church ihre Besucher mit drückender Melancholie, der selbst Lupinen und Hahnenfuß, die an der Kirchenwand gedeihen, kaum etwas entgegenzusetzen haben. Hinter der Kirche, in der bis auf die jüngste Tochter Anne alle Brontës in einer Gruft ruhen, liegt das Pfarrhaus, nur getrennt durch den alten Friedhof – einen verwunschenen Fleck mit hohen Bäumen, deren Kronen kaum Sonnenlicht bis zur Erde durchfließen lassen. Dahin, wo verwittert, teils verrottet und von Unkraut überwuchert mancher Grabstein eine traurige Geschichte erzählt. Anders als heute war dies früher ein unheilvoller Ort, überbelegt, stinkend, ein Quell von Siechtum und Tod, die auch vor dem benachbarten feucht-kalten Pfarrhaus nicht halt machten.

Das alte Pfarrhaus, in dem die Familie Brontë Zeit ihres Lebens wohnte, ist heute ein Museum (Foto: Sabine Mattern)
Pfarrhaus Bronte Parsonage Museum Harworth

Museale Einblicke
Heute erscheint das 1778 errichtete und ein Jahrhundert später veränderte Gebäude wie ein englischer Landhaustraum, gehegt und gepflegt von der Brontë-Gesellschaft, die das einstige Heim der legendären Schriftstellerfamilie als Museum unterhält. Hübsch tapeziert und ausstaffiert mit hunderterlei originalen Dingen aus dem Brontë-Haushalt, holt man da das weltabgeschiedene Leben der sechs Geschwister, von denen keines 40 Jahre alt werden sollte, ins Jetzt zurück. Das Juwel des Hauses ist sicherlich sein Esszimmer, in dem die Pfarrerstöchter Charlotte, Emily und Anne ihre Romane schrieben. Hier entstanden „Jane Eyre“ und „Wuthering Heights“ („Sturmhöhe“), die längst zur Weltliteratur zählen, aber auch Annes „Agnes Grey“ – Bücher, die die viktorianische Literaturwelt gehörig aufmischten.

Hier atmet alles die Gegenwart des Trios – das Sofa, auf dem Emily ihren letzten Atemzug tat, der Schaukelstuhl, in dem Anne mit den Füßen auf dem Kaminschutz am liebsten saß, und natürlich der Esstisch, dekoriert mit Nadelarbeit und Teetasse, um den die Schwestern ihre spätabendlichen Wanderungen zu unternehmen pflegten und – während ihr opiumsüchtiger Bruder im Gasthaus über seinem Bier brütete und sich sein elendes enttäuschendes Dasein schön trank – über ihre Arbeiten und Pläne sprachen. Inspiriert von der rauen Moorlandschaft gleich vor der Tür. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Bei ihren Wanderungen durch das weite Moorland sammelten die Brontë-Schwestern Ideen für ihre schaurig-schönen Geschichten (Foto: Sabine Mattern)
Moorland bei Haworth

Wandern vor filmreifer Landschaftskulisse
Denn unmittelbar hinter dem Brontë Parsonage Museum beginnt ein Weg, der geübte Wanderer auf einer abenteuerlichen Tour durch das Haworth Moor – oder etwas einfacher über den Ort Stanbury – nach Top Withins bringt, das Mekka aller „Sturmhöhe“-Fans. Mit jedem zurückgelegten Meter ändert sich die Szenerie. Aus geteerten Straßen werden Schotterwege und schließlich Trampelpfade, das typische grüne Hügelland mit seinen Farmhäusern verwandelt sich langsam in die baumlose Ödnis des Heidemoors, das nur aus Himmel, Erde, Wind zu bestehen scheint. Im Sonnenschein überirdisch schön, bei Nebel gruselig und nicht ungefährlich.

Man klettert über glitschige Felsen, watet über morastige Weiden, öffnet Gatter oder überwindet die allgegenwärtigen Steinmauern mit einer Trittleiter, umrundet Schafe, die auf dem Weg liegen und freiwillig keinen Zoll zur Seite rücken. Der Weg führt an den viel gepriesenen, aber eher unspektakulären Brontë-Wasserfällen vorbei, in deren Nähe die Schwestern auf ihren Moorwanderungen ruhten und Ideen sammelten. Und irgendwann ist auch Top Withins erreicht, die trostlose Ruine eines Farmhauses, die Schauplatz von Heathcliffs Hof in „Wuthering Heights“ sein soll, wo Emily ihre Helden in unsterblicher Liebe entbrennen ließ und ins Verderben stürzte. „Nur schade, dass die meisten Touristen hier schon den Rückweg antreten“, bedauert Briggs. „Hinter dem Hügel wird die Gegend noch besser. Wie im Buch.“ Und er hat Recht. Hier öffnet sich ein Land voller Dramatik. Moor total.

Die Main Street in Haworth (Foto: Sabine Mattern)

Die Hauptstraße in Haworth (Foto: Sabine Mattern)

Die Hauptstraße in Haworth wird von alten Weberhäusern gesäumt (Foto: Sabine Mattern)

Die Gebäude entlang der Main Street sind bis zu 200 Jahre alt (Foto: Sabine Mattern)

Bei Nebel lädt das Moor zu einem schaurig-schönen und nicht ganz ungefährlichen Spaziergang ein (Foto: Sabine Mattern)

Der Keighley & Worth Valley Railway ist eine kurze historische Eisenbahnstrecke zwischen Keighley und Oxenhope (Foto: Sabine Mattern)

Weite Teile der Weide- und Wiesenlandschaften sind von niedrigen Steinmauern umgeben, in denen Schafherden grasen (Foto: Sabine Mattern)

Am Ende der Hauptstraße steht die Gemeindekirche von Haworth (Foto: Sabine Mattern)

Die meisten Geschäfte sind entlang der Main Street zu finden (Foto: Sabine Mattern)

Das alte Pfarrhaus ist heute das Brontë Parsonage Museum (Foto: Sabine Mattern)

Weit und breit nur Weide- und Wiesenlandschaft (Foto: Sabine Mattern)

Zwischen Pfarrhaus und Kirche liegt der Friedhof der Gemeinde (Foto: Sabine Mattern)

Informationen Haworth

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Reisezeit
England ist ganzjahrestauglich. Ideal sind Frühling, Frühsommer und Herbst.

Eisenbahnnostalgie
In der Regel fahren die Züge der Keighley & Worth Valley Railway jedes Wochenende, im Sommer häufiger (Vorab über Abfahrtszeiten informieren!).

Brontë Parsonage Museum
täglich geöffnet (über Weihnachten und im Januar geschlossen),

Geführte Touren
… rund um Haworth, seine Umgebung und die Brontës.

Infos
www.visitbrontecountry.co.uk
www.yorkshire.com
www.VisitEngland.com

Text und Fotos: Sabine Mattern

Alle Angaben wurden von der Autorin nach bestem Wissen und Gewissen zusammengestellt und von der Redaktion von Hayit Medien und Fernweh.de überprüft. Allerdings kann keine Gewähr oder Haftung für einen etwaigen Schaden übernommen werden.

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