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Polen: Unterwegs in der Kaschubei

Wenn der Sekt unters Messer kommt…

Weiter Blick über die hügelige Landschaft der Kaschubei, südwestlich von Danzig an der polnischen Ostseeküste gelegen (Foto: Alexander Richter)
Region Kaschubei in Polen

Wir kommen unangemeldet und überrumpeln den alten Mann förmlich. Der braucht zwei, drei Minuten, dann sagt er auf Deutsch: „Scheen, mal wieder Deitsch zu hören. Hab‘ ich so viel verlernt.“  Jerzy (Georg) Walkusz ist 85 Jahre und hat sein Leben lang sein Heimatdorf Hopowo (Hoppendorf) nur für jeweils kurze Zeit verlassen. „Ich bin Kaschube, und hier gehöre ich hin“, sagt er und greift zu Ehren des deutschen Besuchs zur kaschubischen Teufelsgeige, einem Instrument, das auch als Vogelscheuche Karriere machen würde. Jerzy entlockt der Geige Töne und seine Frau Krystyna (72) singt dazu. Was für eine nette Begrüßung.

Jerzy Walkusz mit kaschubischer Teufelsgeige und seine Frau Krystyna (Foto: Alexander Richter)
Kaschubische Teufelsgeige Polen

Wir sind in der Kaschubei, auf Kaschubisch Kaszebe oder Kaszëbskô, auf Polnisch Kaszuby. Die sprachliche Dreifachbenennung für die Region in Pommerellen südwestlich von Danzig an der polnischen Ostseeküste macht deutlich: Kaschubien war sowohl unter polnischer als auch zwischendurch unter deutscher Dominanz ein Spielball, mit dem freilich keiner so recht spielen wollte.

Das Krantor in Danzig (Foto: Alexander Richter)

Der Sekt wird auf kaschubische Art geöffnet (Foto: Alexander Richter)

Da die Region im Osten der Pommerschen Seenplatte liegt ist die Kaschubei reich an Seen (Foto: Alexander Richter)

Die Kaschubische Tracht (Foto: Alexander Richter)

Leicht hügelige Landschaften ermöglichen einen weiten Ausblick auf den Horizont (Foto: Alexander Richter)

Das Meer an der Küste lädt zum Segeln und Surfen ein (Foto: Alexander Richter)

Sopot ist ein nobler Badeort in der Danziger Bucht (Foto: Alexander Richter)

Kaschubisches ABC (Foto: Alexander Richter)

Kaschubisches Toepferhandwerk (Foto: Alexander Richter)

Craftbrauer Tomasz Patzer (Foto: Alexander Richter)

Denkmal der Grass´schen Romanfigur Oskar Matzerath in Danzig-Langfuhr (Foto: Alexander Richter)

Danzig (Foto: Alexander Richter)

Die Kinder lernen zwar in der Schule wieder die Sprache, die übrigens auch deutsche Wörter kennt wie beispielsweise „Rumtopf“. Aber viele Kaschuben haben längst „rübergemacht nach Polen“ oder sind ganz ausgewandert. „Jojo“, sagt Jerzy, der Handwerker, „unsere Kultur verschwindet immer mehr.“ Früher sei er noch mit dem kaschubischen Traditionsverein durch die Lande gezogen. Dafür sei er jetzt zu alt und die Jugend interessiert das kaum noch“, meint er.

Wird in den Schulen wieder gelehrt: das kaschubische ABC (Foto: Alexander Richter)
Das kaschubische ABC

Dem widersprechen auf unserer Tour einige. Spätestens seit der „Blechtrommel“, die in Danzig  und der umgebenden Region spielt, ist die Kaschubei in Deutschland (wieder) populär. Auch dank der Grass‘schen Romanfigur Oskar Matzerath, dem „Halb-Kaschuben“ und eigenwilligen Dauertrommler. Da wo Grass geboren wurde erinnert in Danzig-Langfuhr ein kleiner Rundgang an den großen Schriftsteller – ein Oskar-Denkmal inklusive.

Farbenfroh: die kaschubischen Festtrachten (Foto: Alexander Richter)
Kaschubische Festtracht

Auch vor Ort sieht man viel und oft die bunten kaschubischen Ornamente, liest Schilder in kaschubischer Sprache oder erlebt, wie die Kellnerin im Restaurant den Sektkorken auf Kaschubisch löst – durch Abschlagen mit einem langen Messer. Auch die farbenfrohe kaschubische Tracht ist vor allem bei jungen Frauen durchaus noch beliebt, wie uns Lucyna erzählt, die mit ihrer Freundin Kasia im rustikalen Feriencamp Kaszubska Strzecha an den Radaunerseen jobbt: „Wir finden diese Mode schön. Nicht für jeden Tag, da tragen wir Jeans. Aber zu besonderen Anlässen und abends, wenn Gäste da sind, ziehen wir die Tracht an.“ Auch später auf unserer „kaschubischen Landpartie“ hören und sehen wir in Chmielno Ähnliches.

Tourismus mit Entwicklungspotenzial

Was kann man unternehmen in diesem Landstrich, über den Polen gerne Witze machen wie die Deutschen über die Ostfriesen? Wir erleben im östlichsten Teil der Pommerschen Seenplatte eine leicht hügelige Landschaft mit viel Grün und Blau. Als „Kaschubische Schweiz“ wird die Region vermarktet, was nicht wirklich clever ist, weil – ohne das Original – allein in Deutschland über 100 verschiedene „Schweizen“ touristisch umworben werden. Immerhin: Gefühlt hat jedes Dorf hier mindestens einen eigenen See. Höchste Erhebung ist der Turmberg, der sich auf stolze 331 Meter in die Höhe schraubt und der von seiner Aussichtsplattform viel Weitblick mit unendlichem Horizont ermöglicht. Im Winter werden hier sogar Loipen gespurt. Und an der Küste sind alle möglichen Wassersportarten angesagt – vom Segeln bis zum Kitesurfen.

Lädt zum Wassersport ein: die Küste der Kaschubei (Foto: Alexander Richter)
Kaschubei Küste

Der Tourismus ist jenseits der Hochburgen Danzig, Sopot und der Halbinsel Hel (auf Deutsch: Hela), die schon zur Kaschubei zählt, ein noch zartes Pflänzchen, das aber Entwicklungspotenzial hat. Erste schmucke Hotels, etwa in Jurata auf Hel („Brysa“) oder in Ko´scierzyna („Alte Brauerei“ und „Bazuny & SPA“), sind nette Wohlfühladressen. Bestens restauriert präsentieren sich die Zentren der meisten kleinen Städte in der Region, Kartuzy, Wejherowo und Putzig (auf Polnisch: Puck) ebenso - putzig.

Gegessen wird deftig

Der Boden gibt nicht viel her (Kartoffeln), stolz ist man auf die kaschubischen Erdbeeren, die sogar schon europäische Preise bekommen haben. Gegessen wird deftig: Fisch, Ente, Gans sind Dauergäste auf den immer proppevollen Tellern. Zu so viel Deftigkeit zischt bestens ein kaschubisches Bier wie es Craftbrauer Tomasz Patzer (35) in der Mikrobrauerei  von Ko´scierzyna produziert. Thomasz, ein Typ mit viel Ausdruck, hat in Danzig Brauwesen studiert und  lange in Irland Praxis gesammelt. Seine drei ständigen Biere sind ehrlich gebraut und ziemlich süffig, das Weizenbier könnte etwas weniger Kohlensäure haben.

Der Craftbrauer Tomasz Patzer studierte Brauwesen in Danzig und sammelte Erfahrung in Irland to: Alexander Richter)
Craftbrauer Tomasz Patzer Kaschubien

Wir stoppen auf unserer „Tour Kaszuby“ in Wdzydze Kiszewskie: Das hiesige kaschubische Freilichtmuseum zeigt einige herrschaftliche Holzhäuser (auch noch mit „deutscher“ Inneneinrichtung) und lohnt einen Besuch. Apropos Deutsch: Immer wieder findet man vor Ort noch Überbleibsel der deutschen Periode, die natürlich viel früher als mit dem verbrecherischen Nazi-Regime begann: Mal sind es Sprüche vom „Lieb Vaterland“, mal ein Schriftzug an einer Fassade „Kolonialwaren“. Und mal sind es alte Guts- und Herrenhäuser, die wie das Schloss in Krokowa über Jahrhunderte die Heimat pommerscher Adelsgeschlechter waren.

Sehenswerte Dreistadt in Kaschubien

Prachtvolle Fassaden, Giebel und Häuser zeichnen auch die Dreistadt aus, die aus dem schönen Danzig (Gdansk), dem noblen Badeort Sopot und der ziemlich grauen Hafenstadt Gdingen besteht. Und ausgerechnet hier, in der noch ziemlich durch sozialistische Zweckbauten geprägten Hafenstadt, laufen die Kreuzfahrschiffe ein, die auf der Ostsee touren. Der Bustransport für die Gäste nach Danzig dauert eine Stunde, wenn es gut läuft. Aber oft läuft es nicht gut, staut sich der Verkehr heftig.

Der Badeort Sopot gehört zur Dreistadt so wie auch Danzig und die Hafenstadt Gdingen dazu zählen (Foto: Alexander Richter)
Badeort Sopot, Dreistadt in Kaschubien

Wie dem auch sei: Danzig, die Perle der östlichen See und heimliche Hauptstadt der Kaschubei, ist viele Besuche wert. Einen Tag alleine braucht man, um das neue Solidarnosc-Museum auf der früheren „Lenin-Werft“ zu erkunden. Jener Werft wo ein gewisser Lech Walesa den Anfang vom Ende des real darbenden Kommunismus einläutete. Danzig ist eine „hier-lässt-man-sich-treiben-City“, die in die Beine geht, aber Spaß macht. Sie lässt sich inzwischen sogar vom Wasser aus auf einer Kajak-Tour entdecken.

Danzig – die heimliche Hauptstadt der Kaschubei (Foto: Alexander Richter)
Danzig Krantor Kaschubei

Infos

www.polen.travel/de   

Spannende Touren durch die Dreistadt und Kaschubien bietet auf Deutsch (besser: auf Bayerisch) Anderl Kasperski an.

Buchtipp: Im kleinen aber feinen Trescher-Verlag ist der nützliche, weil praxiserprobte Reiseführer „Polnische Ostseeküste“ erschienen. Das Autorenpaar Kerstin und André Micklitza hat zahlreiche Tipps und Insiderinfos zusammengetragen. Nach Angaben des Autors ist geplant, in der kommenden 8. Auflage das Kapitel zur Kaschubei  komplett zu überarbeiten und zu verlängern. ISBN: 978-3-89794-289-9

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Text und Fotos: Alexander Richter

Hinweis der Redaktion
Dieser Reisereport wurde unabhängig recherchiert, fotografiert und geschrieben. Die Recherche zu diesem Report wurde unterstützt vom Polnischen Fremdenverkehrsamt

Alle Angaben wurden vom Autor nach bestem Wissen und Gewissen zusammengestellt und von der Redaktion von Hayit Medien und Fernweh.de überprüft. Allerdings kann keine Gewähr oder Haftung für einen etwaigen Schaden übernommen werden.

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