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Unter dem Firmament

In der Oase Tiguirt erlebt man Marokkos Natur hautnah

Die Scheinwerfer tasten sich langsam vorwärts. Die Dämmerung ist inzwischen der tieffinsteren Nacht gewichen. Die Rücklichter des vorher fahrenden 4x4 SUV sind nur noch als  kleine, leuchtende rote Punkte weit entfernt am Horizont zu sehen.

Aus der Straße ist längst eine steinige Piste geworden und selbst diese scheint sich im Nichts des Gerölls zu verlieren. „Das kann hier gar nicht sein, hier ist nichts weit und breit“, meint Uwe, der auf dem Beifahrersitz unseres Minibusses sitzt und in das Dunkel hinausstarrt.

Die Umgebung des Biwak Quednoujum (Foto: Frank Tetzel)

Kalte Nächte
Vor rund anderthalb Stunden haben wir Ouarzazate verlassen, um die 15 Kilometer zu unserem Nachtquartier zurückzulegen. An Umkehren ist inzwischen nicht mehr zu denken, der Weg ist zu schmal und Steine bedecken die Ränder des Weges, den wir uns nun im Schritttempo entlangtasten. Doch plötzlich hält in einigen hundert Meter Entfernung das Vorausfahrzeug. Es dauert eine gefühlte Ewigkeit, bis unser Bus aufgeschlossen hat. „Wir sind jetzt hier“, sagt der Fahrer unseres Vorausfahrzeuges. Doch außer einer nach oben führenden, in den Fels gehauenen Rampe und ein paar blassen Lampen sehen wir nichts. Vielmehr ist es kalt, sehr kalt – um den Gefrierpunkt. So haben wir uns die Nacht im Berberlager in der Oase Tiguirt im Fint-Tal nicht vorgestellt.

Hassan betreibt das Berberlager<br>(Foto: Frank Tetzel)

Der rotbärtige Hassan, der Betreiber des Lagers Quednoujum, empfängt uns freundlich, weist jedem von uns ein Zelt zu. Diese sind mit einfachen Betten ausgestattet, die Toiletten nach europäischem Standard sind mit einer weiteren Zeltplane abgeteilt. Ebenso findet sich ein kleines Waschbecken und eine Dusche, deren Wasser von einer Zisterne hierher geleitet wird. Selbst elektrisches Licht gibt es, das in der Nacht durch eine Batterie eingespeist wird. Tagsüber wird die Energie von Solarmodulen geliefert, aber das können wir jetzt in dieser scheinbar unwirtlichen Gegend nicht sehen.

Leckeres Tajine-Gericht aus dem traditionellen Tontopf
Ein wenig genervt von der langen Fahrt und müde treffen wir uns im Gemeinschaftszelt zum Abendessen. Es ist üppig und lecker und lässt uns die Kälte schnell vergessen. Eine wohlschmeckende Gemüsesuppe und dann ein leckeres Tajine-Gericht aus dem traditionellen Tontopf mit dem kegelförmigen Deckel, der an seiner höchsten Stelle ein kleines Gefäß besitzt, werden aufgetragen. Beim Erhitzen – früher am offenen Feuer – in modernen Küchen auch auf dem Herd, füllt man die Tajine mit Gemüse, Fleisch, Kartoffeln und je nach Flüssigkeitsgehalt des Inhalts mit ein wenig Wasser. Vor dem Erhitzen wird zudem in das  kleine Behältnis an der Spitze des Deckels Wasser gegossen.

Beim Kochen mit der Tajine steigt im Inneren des Topfes die Flüssigkeit an den Wänden durch die entstehende Hitze auf und wird gleichzeitig durch das Wasser an der äußeren Deckelspitze abgekühlt. Es kondensiert und tropft wieder hinab zum Gargut. Dadurch entsteht ein natürlicher Kreislauf.
Die Tajine, „Taschien“ ausgesprochen, wurde ursprünglich von marokkanischen Nomaden, den Berbern, getöpfert. Hassan und seine Familie sind direkte Nachfahren von ihnen. Zur Herstellung des Kochgeschirrs verwendet man Lehmerde und formt in Handarbeit den Topf, der im Ofen gebrannt wird.

Im Inneren eines Berberzelts (Foto: Frank Tetzel)

Wir bedienen uns aus dem Topf auf dem niedrigen Tisch vor uns und spüren beim Essen den Hunger, den wir seit Stunden wohl mit uns herumgetragen haben. Es ist eine ruhige Mahlzeit, wir sprechen wenig, doch langsam weicht die Kälte aus den Gliedern. Auffallend ist die nächtliche Stille. Es ist nichts zu hören – wir, die wir alle aus Großstädten kommen, sind an diese Ruhe nicht gewöhnt, wir hören in sie hinein, doch es bleibt ruhig.

Erhabenheit des Sternenhimmels
Auf dem Weg in die Zelte bleiben wir stehen. Irgendetwas ist anders. Beim Blick in den Himmel überwältigt es uns. Das was da am Firmament zu sehen ist, lässt uns spüren, wie klein die Kreatur Mensch doch ist und wie deplatziert so manche Sorgen um einen warmen Nachtplatz sind. Die Erhabenheit des Sternenhimmels macht sprachlos.

Da ist der Große Bär am oberen Sternenhimmel links neben dem Kleinen Bären zu sehen. Sind das darunter die Zwillinge? Nein, direkt unter dem Kleinen Bären leuchtet Kassiopeia und nahezu in der Mitte des Himmels hell Jupiter, flankiert von den Zwillingen links und Andromeda rechts darüber. Auch das Sternenbild des Orion ist hell und klar zu erkennen.

Entschleunigung ist das Zauberwort
Am nächsten Morgen, so gegen halb sechs, hört man aus der Ferne einen Muezzin rufen. Ich wache kurz auf und drehe mich in dem inzwischen herrlich warmen Bett noch einmal um. Der Blick aus dem Zelt zwei Stunden später lässt innehalten. Hundert Meter hohe Felswände aus rotem Basaltstein erheben sich um uns herum. Das Berberlager liegt direkt in einem in Jahrmillionen ausgewaschenen Canyon, in dem sich die Ausläufer einer kleinen Oase befinden. Gerade steigt die frühe Novembersonne östlich hinter den Felsen auf und verstärkt ihr Rot um ein Vielfaches.

Das Biwak Quednoujum am Morgen (Foto: Frank Tetzel)

Rund dreißig Meter unterhalb des Biwaks erheben sich hunderte von Dattelpalmen, die ein schmales Rinnsal umsäumen. Wir sind uns schnell einig, dass die Fahrt sich gelohnt hat. Das Naturschauspiel und die Ruhe, die auch darin besteht, dass unsere Mobiltelefone keinen Empfang haben, sind ein Luxus. Entschleunigung ist das Zauberwort, das einen Aufenthalt in diesem Biwak ausmacht.

Gekocht wird nach traditionellen Rezepten aus dem benachbarten Dorf Tiguirt. Die dort ansässigen Familien bereiten es zu, so dass sie direkte Nutznießung aus dem Betrieb des kleinen Biwaks haben.

„Wir achten sehr auf Ökologie“, erläutert Hassan, der beispielhaft im Jahre 2008 den marokkanischen Preis „Trophées Maroc du tourisme responsable“ erhielt. Nachhaltigkeit besteht für uns aus der Harmonie zwischen unseren Gästen und der Natur. Das heißt, es muss das fragile Gleichgewicht zwischen unserem Geschäft, also dem Betrieb des kleinen Biwaks, und der Nachbarschaft gehalten werden, ohne sie aber auszugrenzen, sondern sie mit einzubeziehen. Darüber hinaus darf die Umwelt natürlich nicht geschädigt werden.“

Leben nach den von der Natur vorgegebenen Regeln

Die Bewohner von Tiguirt wissen den Wert der nahegelegenen Quelle zu schätzen (Foto: Frank Tetzel)

Wie das funktioniert? Nach dem Frühstück mit wohlschmeckenden süßen Fladen, selbstgewonnenem Honig, Tee und Ziegenkäse erleben wir es. Die Zeltunterkunft liegt ein wenig ab vom kleinen Dorf, das nur aus wenigen Häusern besteht. Hier lebt man noch wie vor hundert, vielleicht auch zweihundert Jahren ganz nach den von der Natur vorgegebenen Regeln, die in diesem Teil Marokkos von Trockenheit geprägt sind. Hier auf über tausend Metern Höhe, zwischen Atlas- und Antiatlasgebirge, regnet es lediglich an durchschnittlich 13 Tagen im Jahr, die Niederschlagsmenge liegt gerade einmal bei etwa 100 mm. Vor diesem Hintergrund wissen die Bewohner von Tiguirt mit dem wertvollen Nass, das hier aus einer unterirdischen Quelle, die mitten aus einem Felsen gespeist wird, umzugehen.

Den Weg zur Oase haben die Bewohner übrigens selbst angelegt. Stein um Stein musste mühsam in Handarbeit entfernt werden. „Früher waren wir mit dem Esel etwa fünf Stunden nach Ouarzazate unterwegs“, erinnert sich Hassan, „heute mit dem Auto sind es lediglich anderthalb Stunden.“ Auch eine andere Entwicklung hat Hassan in den letzten dreißig Jahren, hier am Eingang zur Sahara beobachtet. „Es ist insgesamt grüner geworden”, berichtet er.

Eine kleine Moschee haben die Einwohner des Dorfes inzwischen errichtet, die Kosten für den Imam teilen sich die Familien. Ich frage Hassan, ob der Muezzin heute Morgen zum Gebet gerufen habe. Hassan stutzt. Nein auf keinen Fall, der Imam kommt nämlich regelmäßig aus der einige Kilometer entfernten Oase Fint hierher herüber. „Das was du heute Morgen gehört hast, war ein Esel”. Arme Mitteleuropäer – wir haben noch viel zu lernen.

Das Biwak Quednoujum (Foto: Frank Tetzel)

Text und Fotos: Frank Tetzel

Weitere Informationen:

www.ouednoujoum.com

E-Mail : contact@ouednoujoum.com
Adresse postale : BP 280 - 22 Avenue Moulay Rachid
45000 Ouarzazate Marokko

Téléphone : +212 5 24 88 40 41
GSM Maroc : +212 6 61 21 27 97
GSM France : +33 6 14 77 82 60

Eine Übernachtung im Berberlager kostet etwa 110 Euro pro Person.

Anreise
Von Agadir kommend erreicht man Ouarzazate über Taroudant und den 2.093 m hohen Gebirgspass Tizi-n Test (Entfernung 377 km), von Marrakech aus über den 2.260 m hohen Gebirgspass Tizi-n-Tichka (Entfernung 196 km).

Royal Air Maroc fliegt dreimal, Regional Air Lines fünfmal wöchentlich von Casablanca nach Ouarzazate.

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