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Das süße Wahrzeichen Posens

An St. Martin ist ein kleines Hefe-Hörnchen der große Hit – sogar im eigenen Museum

Von Alexander Richter

Am 11. November in aller Munde: das Posener Martinshörnchen mit Zuckerglasur und gemahlenen Nüssen. (Foto: © Alexander Richter)

Die einen sagen Hörnchen. Die anderen beißen in ein Croissant. In Poznan (Posen) hat das Gebäck jedes Jahr zu St. Martin am 11. November seinen großen Auftritt. Dann ist das sündhaft süße Martinshörnchen in der großpolnischen Messestadt sprichwörtlich in aller Munde.

Das Martinshörnchen ist ein Croissant mit Weißmohnfüllung, wird seit Jahren von rund 100 Bäckern und Konditoren in Posen und Umgebung (man muss sich speziell bewerben!)  hergestellt und hat seit 2008 von der EU in Brüssel den Segen als regionale Spezialität mit geschützter Herkunftsbezeichnung. Ins Originalhörnchen gehören zum Plunderteig aus Hefe, der gewalzt, geknetet und befüllt wird: viel Butter, Weißmohn, Vanille, klein gehackte Feigen oder Datteln, Rosinen und Sahne. Und damit das leckere Gebäck im richtigen Glanz erscheint, wird das Posener „Rogal swietomarcinski“ auch noch mit einer Zuckerglasur bestrichen und mit gemahlenen Nüssen bestreut.

Fünf auf einen Schlag

Es soll Zeitgenossen geben, die schaffen an St. Martin fünf Hörnchen auf einen Schlag. Wie viele Verdauungsschnäpse sie hinterher brauchen, wird nicht berichtet – es sollen aber einige sein. Über eine Million Stück des Gebäcks werden am 11. 11. verkauft, der in ganz Polen im Übrigen auch als Unabhängigkeitstag gefeiert wird. In Poznan, der größten Messestadt unseres östlichen Nachbarn, reitet in einem bunten  Umzug St. Martin samt Gefolge durch die Stadt und verteilt auch – ja richtig – Hörnchen. Viele Menschen feiern auf den Straßen mit, haben sich kostümiert, tanzen und singen – und genießen ihre Martins-Hörnchen.

Mit dem Karnevalsbeginn wie im Rheinland oder den Laternenumzügen der Kinder im deutschsprachigen Raum („Ich geh‘ mit meiner Laterne und meine Laterne mit mir…“) hat der 11. November in Posen nichts zu tun. Auch das hierzulande beliebte Martinssingen, das lodernde Martinsfeuer oder das traditionelle Martinsgans-Essen (mit Klößen und Rotkohl) ist in Polen nicht wirklich verbreitet. Von allen Martinsbräuchen kommt noch der Weckmann oder Stutenkerl aus Hefeteig mit Rosinen, den Kinder an St. Martin im Rheinland und in Westfalen als Naschwerk bekommen, dem polnischen Hörnchen nahe.

Die Martinslegende kennt viele Geschichten, die mehr oder weniger wahr sind. Als sicher gilt, dass Martin von Tours ein römischer Legionär war, der in einem kalten Winter seinen Mantel mit einem Bettler teilte. So wurde er zum Symbol der Barmherzigkeit.

Nur rund 100 Bäcker in und um Posen dürfen die süßen Martinshörnchen herstellen. (Foto: © Alexander Richter)

Diese Geschichte war häufig Thema in den Novemberpredigten in den Posener Kirchen. Während einer dieser Predigten im Jahr 1891 rief der Priester Jan Lewicki die Gläubigen dazu auf, Bedürftigen zu helfen. So weit, so wahr. Dem Aufruf soll auch der Konditor Josef Melzer gefolgt sein, erzählt man sich, und der beschloss, einige Bleche speziell vorbereiteter Hörnchen zu backen und an die Armen zu verteilen: Das Martinshörnchen war gebacken und freut sich bis heute großer Beliebtheit.

Altstadt mit Wohlfühl-Charakter 

Wer Poznan besucht, sollte sich ein Wochenende Zeit nehmen. Mehr muss nicht. Die Stadt bietet rund um den weitläufigen Alten Markt (Stary Rynek) angenehmen Wohlfühl-Charakter, ist aber insgesamt mit ihren Highlights überschaubar. Das Herz der Altstadt säumen vier Dutzend nach dem Krieg wiederaufgebaute Bürgerhäuser mit ihren barocken und klassizistischen Fassaden. In der früheren Stadtwaage kann man heute heiraten. Star des Platzes ist das Rathaus, ein Schmuckstück aus Zeiten der polnischen Renaissance. Mittags um 12 Uhr öffnen sich die Türen der Turmuhr, das Turmlied erklingt und die beiden Posener Böckchen – sie sind das Wahrzeichen der 600.000 Einwohner-Stadt - liefern sich ein Scheingefecht. Um die Ecke kann man in der Brovaria deftig essen und selbstgebrautes Bier probieren.

Hat nichts mit Laternen und Singen zu tun: St. Martins-Parade in Posen (Foto: © Piotr Hein)

Das wahrscheinlich kleinste Restaurant Polens

Auch jenseits von Hörnchen und Markt hat die Stadt kleine Highlights zu bieten: die Dominsel mit der ältesten Domkirche Polens zum Beispiel. Oder ein neues spannendes, interaktives Geschichtsmuseum. Oder das wahrscheinlich kleinste Restaurant Polens – im „Vine Bridge“ versucht sich die junge Brigade an neuer polnischer Küche, die sehr viel leichter daher kommt als die mächtigen, traditionellen Gerichte (etwa Bigos). Apropos neuer Weg: Fast monatlich entstehen in der Boomstadt klotzige futuristische Gebäude. So glänzt auf dem Gelände der ehemaligen Huggerów-Brauerei ein glasdurchflutetes Einkaufs- und Eventzentrum. Auch das neue Hotel Puro unweit des Alten Marktes hat Schmuckstück-Ambitionen.

Relativ neu ist auch ein Museum der besonderen Art: Im „Rogalowe“ am Markt wird dem Martinshörnchen ein kleines Denkmal gesetzt. Die beiden Macher Tomasz und Szymon erzählen auf Englisch (bald auch auf Deutsch) ihre kleine Croissant-Kunde und lassen ihre Gäste selber kneten, füllen, probieren – lecker (www.rogalowemuzeum.pl).

Infos

Flug: Germanwings fliegt mehrfach in der Woche ab Düsseldorf nach Posen.
Hotels: Gute 3-oder 4-Sterne City-Hotels gibt es ab 25 bis 70 Euro pro Nacht und DZ.
Hörnchen: Die Posener Spezialität kann man sich auch per Internet nach Hause bestellen: (www.rogalemarcinskie.pl). 

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