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Eine charmante Schönheit
Kreativ, quirlig, mit einer ordentlichen Portion Lebenslust und viel Sinn für ungezwungene Party-Events präsentiert sich Tallinn, die Hauptstadt Estlands.
Im sommerlichen Gewand offenbart die Stadt ihren Zauber taghell und rund um die Uhr. Ob im Sommer oder Winter, eine Reise ins baltische Tallinn verspricht kulturelle Highlights und ein vielfältiges Nachtleben. Kultiviert bis ausgelassen.
 - Straßencafe in Tallinn
Wenn Sirje, unsere deutschsprachige Stadtführerin, über ihren Ort redet, merkt man ihr sofort die Liebe und den Respekt zu den hier lebenden Menschen an. Die Bewohner Tallins blicken jedoch auf eine teils steinige und entbehrungsreiche Historie zurück. So verlor die unabhängige Republik Estland ihre Selbständigkeit 1940, als die Sowjets das Land besetzten und annektierten. Erst mit dem Zerfall der Sowjetunion und aufgrund der sogenannten „singenden Revolution“ in den baltischen Staaten, erlangten die Esten 1991 wieder ihre Freiheit und demokratische Verhältnisse zurück. Heute ist die mittelalterliche Hansestadt, mit ihrem lebensfrohen Menschenschlag, der manch Unbill des Lebens durch wohl akzentuierten Humor zu meistern weiß, eines der charmantesten Reiseziele im Norden Europas.
 - Blick auf Tallinn
Eine ausgezeichnete Altstadt Die UNESCO erklärte 1997 die überschaubare und bestens zu Fuß zu erkundende Altstadt von Tallinn zum Weltkulturerbe. Kleine verwinkelte Gassen, geschichtsträchtiges Kopfsteinpflaster und zahlreiche historische Gebäude zeugen vom Wohlstand und Einfluss der Hansestadt während des Mittelalters. Im Winter durchstreift man die verschneite Altstadt auf schneegedämpften Sohlen und von Zeit zu Zeit ziehen die zahlreichen Cafés und Kneipen den fröstelnden Spaziergänger in ihr warmes Inneres, um Leib und Seele bei einem frisch gebrühten Kaffee oder einer heißen Schokolade wieder in Einklang zu bringen. Im Sommer ist ein Spaziergang durch die traumhafte Altstadt von Tallinn ebenfalls ein schönes und atmosphärisches Unterfangen.
Wer einmal eine andere Art der Stadterkundung ausprobieren möchte, sollte einen schwungvollen Ausflug mit dem sogenannten Conference-Bike in Erwägung ziehen. Mit sieben im Kreis sitzenden Personen auf nur einem Fahrrad geht es über Kopfsteinpflaster bergauf und bergab zu den Sehenswürdigkeiten Tallinns – die Mitfahrer immer im Blick. Bailey, unser Tourguide, übernimmt das Lenken und der Rest der Truppe tritt kräftig in die Pedale. Manche sitzen rücklings, andere seitlich zur Fahrtrichtung. Ein erlebnisreiches Spektakel in schnellen Kurven, bergab und bei rasanten Richtungswechseln. Die Tour beginnt in der Unterstadt auf dem Rathausplatz, mit dem repräsentativen mittelalterlichen Stadthaus, welches als einziges, vollständig erhaltenes Rathaus Nordeuropas im gotischen Stil gilt. Vom achteckigen Turm aus genießt man ein atemberaubendes Panorama über Tallinn und seine typischen Bürgerhäuser. Bei der Fahrt mit dem ausgefallenen Vehikel, durch die meist autofreien Gassen, verfolgen uns die neugierigen Blicke der zu Fuß gehenden Passanten.
Leicht erschöpft, aber voller großartiger Eindrücke, erreichen wir die mächtige Stadtmauer am Ende der Uus-Straße. Wir durchqueren eines der erhaltenen historischen Stadttore – das Suur Rannavärav – und erblicken die Dicke Margarethe, in der heute das Estnische Schifffahrtsmuseum untergebracht ist, neben dem Langen Hermann und Kiek in de Kök, einer der schönsten Schutztürme Tallinns. Nun führt der Weg von der Unterstadt zur Oberstadt. Hier drängt sich dem Besucher besonders die große und reichverzierte Alexander-Nevski Kathedrale ins Blickfeld. Das imposante orthodoxe Gotteshaus entstand Ende des 19. Jahrhunderts auf Geheiß des Zaren Nikolaj II. und beeindruckt durch seinen mit Mosaiken und Ikonen reich verzierten Innenraum. Ein weiteres Schmuckstück sakraler Baukunst befindet sich nur eine Gebetlänge entfernt vom orthodoxen Gegenstück. Die Domkirche St. Marien stammt aus der Zeit des Mittelalters und ist Heimstätte für Menschen lutherischen Glaubens. In der Oberstadt trifft man immer wieder auf traumhaft gelegene Aussichtsplattformen, die faszinierende Ausblicke auf Tallinn eröffnen. In den romantischen Abendstunden treffen sich hier gerne Liebespaare, um bei einem mitgebrachten Glas Wein die Zweisamkeit zu genießen.
 - Der Rathausplatz
Die Sonne scheint bei Tag und Nacht Im Sommer übt sich die Sonne hier in schier grenzenloser Geduld und obwohl die Zeiger der Uhr tickend den Abend und die Nacht verkünden, scheint die Feuerkugel am Himmel nie den Horizont zu erreichen. Für den Besucher aus südlichen Gefilden eine unvergessliche, visuelle Festlichkeit. Alle Sinne sind hell und wach, genau wie die Nacht, die nur für einen kurzen Moment ihr dunkles Antlitz zeigt, um dann großzügig der Kraft des Lichts den Vortritt zu überlassen.
Die seit 1993 existierenden Kneipe „Hell Hunt“ kommt trotz ihres martialisch anmutenden Namens und den mit Stacheldraht verzierten Lampen ganz bodenständig und unprätentiös daher. Ein atmosphärischer Ort mit Geheimtippqualitäten, den, wie uns unsere Tallinner Begleiterin erzählt, vornehmlich Einheimische besuchen. Bei einem echten Guinness oder einem leckeren selbstgebrauten Hell- oder Dunkelbier hält man einen Plausch mit Freunden. Getanzt wird an einem anderen Ort und zu späterer Stunde. Liebhaber trendiger Diskotheken schwärmen des Nachts in den neu eröffneten Club von Überblingen außerhalb der Altstadt. Außergewöhnliche Innenarchitekturen mit Fabrik-Loft-Charakter vereinen sich hier mit der Anwesendheit angesagter DJ’s oder Live-Gigs. Rohe Betonwände und rostige, meterhohe Maschinenteile ergeben in Kombination mit stylischem Barinterieur und einer ausgefeilten Lichtshow einen Ort für Partys auf hohem Niveau. Ob Club Classics, Doll House oder Save Rave! das Programm des Clubs bietet jedem bis in die frühen Morgenstunden das Richtige. Nur ein paar Beats von der Überblinger Diskothek entfernt, öffnet das Kultuuritehas seine alternativen Pforten. Die Macher dieser Institution bringen sich durch extravagante Performance- oder Filmfestivals ins Gespräch. Die schöpferischen Variationen der auftretenden Bands sind länder- und musikstilübergreifend. Typisch Estland, typisch Tallinn.
Autor: Thilo Scheu Fotos: © Thilo Scheu
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