Pures Leben im Berliner Untergrund

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Pures Leben im Berliner Untergrund

Die Berliner Verkehrsunterwelt ist ein Mikrokosmos für sich

Von Frank Tetzel

 

Für nur zwei Euro und zehn Cent kann man innerhalb der Berliner Stadtgrenze U- und S-Bahnen benutzen und dabei nicht nur von Spandau nach Neukölln fahren, sondern das wirkliche Berliner Leben kennen lernen.

In den Berliner U-Bahnen sitzen Schlipsträger aus den Ministerien neben den Übriggebliebenen der vergangenen langen Nacht, Hausfrauen, Geschäftsleute, Facharbeiter, Lehrer, Hartz IV-Empfänger, türkische Mamas, russische Klavierlehrer und Studenten aus aller Herren Länder einträchtig nebeneinander. Viele sind in ihre Zeitungen vertieft, andere dösen ihrer Arbeit entgegen, und einige starren auf das „Berliner Fenster“. Das U-Bahn-Fernsehen liefert den neuesten Klatsch und Tratsch aus der Hauptstadt und der Welt. n-tv steuert Börsen- und Wirtschaftsnachrichten und die Wettervorhersage bei. Zwischen zwei oder drei Haltestellen erfährt man so auf dem Weg von oder zu der Arbeit das vermeintlich Wichtige des Tages. Unterbrochen wird die Informationsaufnahme hin und wieder durch Verkäufer der Obdachlosenzeitungen „Motz“ oder „Straßenfeger“, die ihre Produkte an den Mann oder die Frau bringen wollen. Die meisten U-Bahn-Passagiere schauen dann peinlich berührt oder indigniert zur Seite. Doch mit vier bis sechs Euro pro Wagen können die Verkäufer immer rechnen. Für Abwechslung auf einer U-Bahn-Fahrt sorgen überdies noch selbst ernannte Musiker. Sie versuchen die Fahrgäste mit allerlei Gerätschaften – wovon Gitarren noch die harmloseren sind – mehr oder weniger professionell zu unterhalten. Hier zahlt man dann eher fürs Aufhören. Andererseits gibt es begnadete Musiker, die ihre Stammplätze im unterirdischen System der Stadt haben. So gibt es einen Akkordeonspieler an der U-Bahn-Station „Bayerischer Platz“, der virtuos die Bach′sche Toccata und Fuge in d-moll spielen kann. In den unterirdischen Gemäuern und Gängen fühlt man sich dann wie in einer Kathedrale.

Öffentliches Verkehrssystem der Spitzenklasse

Als ich 1998 nach Berlin zog, habe ich mich als Mitarbeiter des Verkehrsverbundes berufsbedingt innerhalb Berlins nahezu ausschließlich mit öffentlichen Verkehrsmitteln bewegt. Und auch wenn ich heute U- und S-Bahnen nicht mehr professionell loben muss: Das Verkehrssystem der Hauptstadt gehört sicherlich zu den Besten innerhalb Europas oder vielleicht sogar weltweit. Acht der neun Berliner U-Bahn-Linien fahren am Wochenende im 15-Minutentakt rund um die Uhr. Partygänger können daher ihr Auto ruhig stehen lassen und unbeschwert feiern.

U-Bahn als Privatbetrieb profitabel

Der älteste europäische U-Bahn-Tunnel beginnt unter dem AEG-Gelände an der Gustav-Meyer-Allee in Wedding. Er führt rund 300 Meter bis zum ehemaligen AEG-Besitz an der Ackerstraße in Berlin-Mitte. 1895 wurde der Tunnel von der AEG zu Testzwecken gebaut. Sie wollten beweisen, dass auch im märkischen Sand Berlins eine U-Bahn technisch möglich ist. Ab 1902 wurde dann der professionelle U-Bahn-Verkehr auf der Strecke „Stralauer Tor“ bis „Zoologischer Garten“ in Betrieb genommen, was heute einem Teilstück der U 1 /U 3 entspricht. Eigner war nicht etwa die Kommune, sondern die Firma Siemens & Halske.
Der großflächige Ausbau der Berliner U-Bahn erfolgte Ende der zwanziger Jahre. Über die Entwicklung der U-Bahn in Berlin gibt es unendlich viele Geschichten zu erzählen. Allein wenn man bei Google unter den Schlagworten „Berlin, U-Bahn, Geschichte“ sucht, erhält man 1,3 Millionen Treffer. Die Geschichten sind teilweise amüsant, einige aber auch tragisch. Im Zweiten Weltkrieg dienten viele U-Bahn-Schächte der Reichshauptstadt als Bunker. Während der letzten Kriegstage, als die russischen Truppen Berlin schon umzingelt hatten, wurden die U-Bahn-Schächte durch eine Sprengung der SS-Truppen kilometerweit überflutet. Wie viele tausend Menschen dabei starben, weil sie sich vor den Kämpfen unter die Erde geflüchtet hatten, ist bis heute nicht geklärt.

Mauerbau teilt die U-Bahn – aber nicht ganz

 Nach dem Bau der Mauer in Berlin wurden Teile des U-Bahn-Netzes abgetrennt. Andere Linien führten durch „Geisterbahnhöfe“. 17 Stationen im Osten der Stadt waren nicht in Betrieb. Darunter so vornehme Adressen wie „Unter den Linden“, „Friedrichstraße“ und „Potsdamer Platz“. Ich selbst erinnere mich an vergangene Berlinbesuche, als grimmig dreinschauende Grenzsoldaten der DDR die durchfahrenden Westzüge auf den im Dämmerlicht verwaist liegenden und vermauerten Bahnhöfen misstrauisch beobachteten. Das konnte man erleben, wenn man beispielsweise von Kreuzberg in den Wedding unterwegs war – immer ein Hauch von Abenteuer.
Es gab Berliner, die warfen Südfrüchte, "Playboy"-Hefte und den „Spiegel“ auf die Bahnsteige - subversive Westpropaganda, die im DDR-Giftschrank verschwand. Andere zeithistorische Dokumente hingegen entdeckte man 1990 bei den ersten Erkundungen des unbekannten Teils der Berliner Unterwelt. Auf einem Bahnhof schien die Zeit seit 1961 stehen geblieben zu sein: Quittungen lagen noch auf den Tischen eines unterirdischen Restaurants, die Schuhe des Imbissverkäufers standen noch unter der Theke und obendrauf geöffnete Bierflaschen. Fast 30 Jahre lang hatte die DDR den Alltag von damals unterirdisch konserviert.

Mit dem Cabrio unterwegs

Inzwischen merkt man unter Tage kaum noch etwas von der Teilung der Stadt. Interessant und weltweit wohl einmalig ist eine Tunneltour in einer „Cabrio“–U-Bahn. Rund 150 gelbbehelmte Menschen werden zu abendlicher oder nächtlicher Stunde durch das unterirdische Tunnelsystem Berlins gefahren. In nach oben hin offenen Werkstattwaggons kann man so Tunnelatmosphäre hautnah erleben. Der Fahrtwind riecht hier – tief unter der Erdoberfläche – nach Diesel, feuchtem Moder und Muff.
Zweieinhalb Stunden dauert die Fahrt, die vom Bahnhof Alexanderplatz zunächst Richtung Kreuzberg Neukölln führt. Die Augen benötigen einige Zeit, um sich an das Licht hier unten zu gewöhnen. Doch dann kann man Dinge auf der 23 Kilometer langen Rundfahrt entdecken, die man bei einer normalen U-Bahn-Fahrt nicht sieht: überdimensionale U-Bahn-Garagen, weit verzweigte Röhrensysteme, Aufstellanlagen und Wendestellen. Die Logistik unter Berlins Straßen und Wohnhäusern ist enorm. Übrigens: So richtig ist unter Tage die Trennung der beiden Stadthälften noch nicht beseitigt. „Übergang“-Schilder weisen auf den ehemaligen Grenzverlauf hin. Als ob dies heute noch eine Rolle spielen würde.

 

Fahrkarten:

Einzelfahrausweis  AB  (innerhalb der Berliner Stadtgrenzen) 2,10 Euro, ermäßigt 1,40 Euro
Einzelfahrausweis  ABC           2,70 Euro, ermäßigt 2 Euro
7-Tageskarte AB        25,40 Euro

Weitere Fahrausweise für Berlin und Umland sowie touristische Angebote unter www.vbb-online.de, bvg.de , www.sbahnberlin.de 

 

 

Anmeldung zur U-Bahn-Cabriotour

Buchungen können Sie unter folgenden Telefonnummern von Montag bis Freitag oder per E-Mail unter Angabe Ihrer Postanschrift vornehmen:


Telefon: (030) 256 25 256 oder (030) 256 25 556
Fax: (030) 256 25 369
E-Mail: U-Bahn-Cabriotour@bvg.de


(Die Buchungsmöglichkeiten hängen immer von der noch vorhandenen Sitzplatzkapazität ab.)

 •  Freitag, 22.06.2007 um 23.30 Uhr

 •  Freitag, 29.06.2007 um 23.30 Uhr

 •  Freitag, 06.07.2007 um 23.30 Uhr

 •  Freitag, 13.07.2007 um 23.30 Uhr

 •  Freitag, 20.07.2007 um 23.30 Uhr

 

Weitere Termine erfährt man unter der oben genannten Telefonnummer.

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