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B wie Barock + Bier = Böhmen

Die Tschechen feiern ihr weltberühmtes Bier auch ganz skurril – mit einer Wahl zur „Miss Bierschaum“ oder „Herrn Bierbauch“

(Foto: Plzen Tourismus)

Besuch beim Weltmeister. Die Tschechen trinken nach wie vor weltweit und pro Kopf das meiste Bier. Vor den Österreichern und den Deutschen. Und natürlich: In Pilsen (Plzen) hat nicht alles, aber doch Entscheidendes angefangen. Es war hier anno 1842 mit Josef Groll ein Bayern-Import, der ein helles Lagerbier kreierte, das als Bier aus Pilsen (Pilsener) eine Weltkarriere hinlegte. Zeit also für eine bierige Stippvisite bei unseren Nachbarn im Südosten. Neben dem Biergenuss steht auch ein Besuch in dem ein oder anderen Museum oder Schloss an. Denn dafür ist Böhmen berühmt: für Bier und Barock.

Zatec – Wo der Hopfen wächst

Wir starten unsere kleine Spritztour ins Böhmische dort wo der Hopfen wächst – in Zatec (Saaz) im Niederegertal. In Saaz, ein graues Städtchen an der Eger und mit hübschen Marktplatz, ist seit jeher das Bier zuhause, wird seit langen Jahren der berühmte Saazer Hopfen angebaut, der z.B. für die besondere Note des Pilsener Urquell so entscheidend ist. Das Städtchen am Fluss Eger ist keine Leuchte der Städterbaukunst, hat aber einen schönen Marktplatz, natürlich eine Brauerei am Platz der ehemaligen Burg und vor allem ein liebevoll gestaltetes Hopfenmuseum.
 
Hier treffen wir Walter Enders, der ein altes Deutsch spricht und auf die Frage, wo er das gelernt habe, anmerkt: „Sind wir hier doch auf deitschen Gebiet…“ 265 Gemeinden in einem Umkreis von rund 30 Kilometern auf gut 250 Hektar dürfen Saazer Hopfen anbauen, der die Probleme der letzten Jahre überwunden haben dürfte. Zumindest vor Ort wird aber rund um den bierigen Bitterstoff viel und gerne gefeiert: Hopfenerwachen, Hopfenernte, Miss Bierschaum oder auch der schönste Bierbauch …

Im Städtchen Saaz (Zatec) wird seit langen Jahren der berühmte Saazer Hopfen gebraut (Foto: Alexander Richter)

Das Museum selbst ist ein Schätzchen – leider mit nur wenigen aktiven „Erlebnis-Elementen“. Viele alte Originalgeräte und -maschinen zeigen, dass der Hopfenanbau, die -pflege und die –ernte den ganzen Mann und die ganze Frau fordern. Bis heute geschieht vieles in Handarbeit.

Saazer Hopfen ist „der beste der ganzen Welt“, brüstet sich stolz Museumsmanager Vladimir Vales – aber natürlich muss er das, in guter PR-Manier, so sagen. Was er nicht sagt ist, dass „sein“ Hopfen auch teurer ist als z.B. die Konkurrenz aus Bayern. Anyway: Das Hopfenmuseum über mehrere Stockwerke, das wahrscheinlich größte seiner Art in Europa, ist zum Weltkulturerbe bei der Unesco angemeldet. Draußen vor der Tür, um die frühere Lager- und Verpackungshalle herum, gruppieren sich allerlei hopfige Vergnüglichkeiten wie ein Hopfenleuchtturm (Auffahrt lohnt!), ein Irrgarten, eine astronomische Hopfenuhr sowie die Mini-Brauerei „U Orloje“.  Ein halber Liter Saazer Bier ist im Eintrittspreis für die Hopfenerlebniswelt inkludiert.

Böhmische Bierreise – nach Chyse (Chiesch)

Weiter geht die böhmische Bierreise – nach Chyse (Chiesch), rund 35 schnelle Kilometer von den berühmten Karlsbader Quellen entfernt. Die kleine Schlossbrauerei des Ortes hat eine bewegte Geschichte. Das heutige Gesicht der Brauerei unmittelbar neben dem restaurierten Renaissance-Schloss stammt aus den Jahren 1831 bis 1843. In einer ersten Brauphase wurde bis 1932 Bier produziert, dann kam das (vorläufige) Ende. Die Brauerei wurde als Lager, als Heizwerk und als Kinderferienheim zweckentfremdet, bevor die Familie um Vladimir Lazansky, Nachkommen der letzten Eigentümer-Familie, in den 1990er und 2000er Jahren erst das Schloss und dann die Brauerei (zurück-)kauften und neu in moderen Brautechnik investierten.

Die kleine Schlossbrauerei von Chyse (Chiesch) hat eine bewegte Geschichte (Foto: Alexander Richter)
Heutiger Schloss- und Brauherr Vladimir Lazansky (Foto: Alexander Richter)

Die Geschichte von Schloss Chyše  beginnt schon 1169, wobei dieses Gebäude im Laufe der Zeit alle bedeutenden Umbauten erlebt hat. Zuerst war es eine gotische Burg, später ein Renaissance- und Barockschloss. Zuletzt veränderte es sein Aussehen Mitte des 19. Jahrhunderts, als der Umbau im Stil der englischen Gotik erfolgte. Jede diese Umgestaltungen hinterließ an diesem Schloss bis heute markante Spuren. Am wertvollsten davon ist das Deckenölgemälde vom Jahr 1699 des größten Meisters des böhmischen Barocks, Petr J. Brandl.
 
Seit gut zehn Jahren bereichern Biere aus Chiesch wieder die tschechische Brauszene und setzen am Ort eine Tradition fort, die schon 16. Jahrhundert ihren Anfang genommen hatte. Auf den Markt kommen kleine Mengen (rund 1200 Hektoliter pro Jahr), die hauptsächlich im eigenen Gasthof und rund um den Kirchturm des 600-Leute-Dorfes verkauft werden. Regelmäßig hat der junge Brauer, der in einer 120 qm-Wohnung direkt über der Braustätte wohnt, ein naturtrübes Lager auf Lager. Hinzu kommen immer wieder Spezialbiere, wie ein Wiener Rot- oder ein Osterbier. Alles geschieht in der Brauerei in Handarbeit bis hin zum Kleben der Etiketten auf die Flaschen, die hier nicht selten aus PET sind und mit 1,5 Liter eine in Tschechien beliebte Größe haben. Die Flaschen sind Einweg-Produkte ohne Pfand und landen leer im normalen Müll.

Architektonisches Schmuckstück: die Wallfahrtskirche „Mariä Verkündigung“ (Mariánská Týnice) bei Kralovice (Foto: Alexander Richter)

Zwischen zwei kleinen Brauereien muss Zeit sein für etwas Besinnung. Die Wallfahrtskirche „Mariä Verkündigung“ (Mariánská Týnice) bei Kralovice, die in Form eines griechisch-orthodoxen Kreuzes ein architektonisches Schmuckstück, ist, bietet dazu Gelegenheit. Die Anfänge der Propstei, die heute als Museum genutzt wird, gehen zurück bis ins tiefe Mittelalter. Der Abt des Zisterzienserklosters in Plasy hatte immer ein Auge auf die Kirche, die dann im 17. Jahrhundert mit dem Star-Architekten Giovanni Santini ihre endgültige Form erhielt. Nach dem 1. Weltkrieg verfiel das sakrale Meisterwerk, um nach 2000 auch mit EU-Mitteln wieder seinen alten Glanz zurück zu bekommen.

Fürst Metternich und seine Bierbrauerei

In Plasny, dem nächsten Stopp, wartet mit „Knizeci“ die nächste (Kloster-)Brauerei, die schon um 1550 erstmals Bier braute. In der wechselvollen Geschichte des benachbarten Zisterzienserklosters (s.o.), das auf 5000 Eichenpfählen im sumpfigen Boden verankert ist (und heute Museum ist), kam irgendwann auch die Brauerei unter die Räder, bis 1826 ein gewisser Fürst Metternich Kloster und Brauerei übernahm und dem Anwesen zu neuem Glanz verhalf.

Metternich, der maßgeblich 1815 den Wiener Kongress zur Neuordnung Europas mitgestaltete, wünschte sich nichts heftiger, als in Sichtweite zur Brauerei in einer Familiengruft (zusammen mit seinen drei Frauen und einigen seiner Kinder) beigesetzt zu werden – Mütterchen Jana erzählt die Geschichte vor Ort gerne und ausführlich – sie verdient sich so als erzählende Gruft-Wächterin ein paar Kronen nebenher. Und hat immer eine (leere) Flasche des Sektes zur Hand, auf der der Name des Herrn Metternich verewigt ist. Der hatte sich nämlich im hohen Alter auf Schloss Johannisberg im Rheingau niedergelassen. Kaiser Franz in Wien hatte dem inzwischen geadelten Fürsten das Anwesen geschenkt. 

Familiengruft von Fürst Metternich in Plasny (Foto: Alexander Richter)

Die Knizeci-Brauerei braut diverse Ales und IPA, Saisonbiere (zu Ostern gab es einen Sud mit Brennnesseln) und auch ein traditionelles Lager. An die 10.000 hl schafft die „Bier-Schmiede“, wie Brauer Petr Podlena berichtet, der von Haus aus eigentlich gelernter Elektriker ist und sich irgendwann für Bier so begeistern konnte, dass er umsattelte. Die Biere sind süffig und hopfig und werden auch im Internet verkauft.

Bierbad in der Bier-Hauptstadt

Höhepunkt einer jeden Bierreise ins westliche Böhmen ist – natürlich – Pilsen, eine der Bier-Hauptstädte dieser Welt. Und oh Wunder: Lange nicht alles hier ist Urquell. So legen wir uns erst einmal im Brauereihof Purkmistr („Bürgermeister“) im Vorort Cernice gemütlich in ein 35 Grad warmes Bier-Bad, schlummern ein und träumen davon, die Wanne leer zu saufen…

Der Brauereihof mit einem Kamel als Wappentier vermarktet sich und  allerlei bieraffine Möglichkeiten nahezu perfekt: Es gibt das Bier-Spa, 32 moderne Hotelzimmer auf 4-Sterne-Niveau, eine große Eventfläche im Hof u.a. fürs jährliche Fest der kleinen Brauereien, drei Bowlingbahnen, Feier-Keller, Konferenzsaal, Restaurant, Bierstube, Shop. Und natürlich die Brauerei, die mit einer Kapazität von 1500 hl ein typischer tschechischer Miniproduzent ist (den amerikanischen Begriff „Craft“ mag man in CZ nicht).

Die Brauerei, die alte Braurechte (u.a. aus Domazlice) übernommen hat, stellt unter den Markennamen Purkmistr, Pisar und Radni in offener Gärung diverse Biere her – vom hellen und dunklen Lager, über Ales und Stouts, bis hin zu Weizenbier und Bieren mit starkem Fruchtgeschmack. In der Kneipe kann man ein Probierset bestellen – sechs verschiedene Hausbiere im 0,1 l-Glas – nicht alle Gläser werden leer getrunken...

Bierprobe im Brauereihof Purkmistr („Bürgermeister“) im Pilsener Vorort Cernice (Foto: Alexander Richter)

Der Marketing-Mann der Brauerei, Petr Mic, erzählt, dass sie in guter Pilsener Tradition eigentlich nur Saazer Hopfen einsetzten, die benötigte Menge aber ein  Jahr im Voraus bestellen müssten. Und dann sei es immer noch unsicher, ob die Ernte oder der Bedarf der benachbarten Großbrauereien die bestellte Menge für die Mini-Brauer übrig ließen. „Wir haben zuletzt auch Hopfen in der Hallertau zukaufen müssen“, sagt Mic, und lädt alle deutschen Bierfreunde zum Fest „Sonne im Glas“ rein. Das findet auf dem Brauereihof jedes Jahr am dritten Samstag im September statt und ist international besetzt.

Die ( Bier-) Wende kam aus Bayern

Hinein nach Pilsen. Die Mutter aller Pilsbiere wird seit 175 Jahren an der gleichen Stelle mittendrin in Pilsen gebraut. Dabei waren die Anfänge im westlichen Böhmen alles andere als schmackhaft. Das alte Bier aus Pilsen war dunkel, trüb und warm vergoren – die Bürger kippten die Plörre aus lauter Protest auf die Straßen. 1842 kam die Wende – und die kam aus Bayern. Genauer aus Vilshofen. Braumeister Josef Groll stellte im Bürgerlichen Brauhaus zu Pilsen alles auf den Kopf – und hatte Erfolg: Bayern-Böhmen first! Am 11. November 1842 wurde der erste Sud nach Pilsner Brauart – ein helles Lager mit mittelfrühem Rothopfen aus Saaz – erstmals öffentlich ausgeschenkt. Und siehe da: er mundete all überall, bekam den Namen Urquell und begründete eine Ära, die bis heute andauert. Auch die neuen japanischen Besitzer der Brauerei in Pilsen, die heute fast zwei Mio. hl pro Jahr ausstößt, setzen voll auf das bierige Zugpferd aus Böhmen.

Erlebnisführung mit Bierzapfkurs und Bierprobe in der Pilsener Brauerei (Foto: Alexander Richter)

Pilsen: Stadt mit Charme und Niveau

Ein Besuch in Pilsen ist eine lohnende Sache. Die Stadt hat Charme und Niveau  und ist zum Glück lange nicht so überlaufen wie Prag, das – zumindest für so manches Wochenende – zum Mekka der Billigflieger und Junggesellenabschiede abgestiegen ist. Pilsen glänzt mit einem schönen Marktplatz, auf dem die gotische Kathedrale und ein futuristischer Brunnen besonders ins Auge stechen. Den Kirchturm kann man besteigen und hat von oben einen weiten Blick auf die Stadt des Bieres. Die Synagoge der Stadt im maurisch-romanischen Stil soll die drittgrößte ihrer Art in der Welt sein – man kann sie besichtigen.

Zurück zur Brauerei, die natürlich das touristische Zugpferd der Region darstellt:  Auf dem riesigen Brauereigelände, das in großen Teilen unterkellert ist (man verirrt sich ohne fachkundige Begleitung), werden verschiedene Touren angeboten. Empfehlenswert ist die 3-Stunden-Erlebnisführung für umgerechnet rund 20 Euro mit Bierzapfkurs und Urkunde, einem Imbiss und einer Bierprobe bei Kerzenschein. Im Sommer werden auf dem Brauereihof kostenlos Konzerte angeboten. Und wer ganz viel Zeit hat, kann sich auch noch das Brauerei-Museum in der Altstadt reinziehen. Auch hier endet das Ganze natürlich wieder mit einer Bierprobe …

Ein Gypsy-Brauer leistet uns am letzten Abend in seiner „Beer Factory“ mitten in der Altstadt Gesellschaft. Josef Krýsl ist seit fast 30 Jahren im Braugeschäft tätig, hat bei Urquell gelernt, gearbeitet und seinen Braumeister gemacht. Irgendwann hatte er den Kanal voll, ließ sich von Bierpapst Michael Jackson leiten und lernte in Australien die Biervielfalt kennen, die er zuhause vermisste. Also machte er sich selbstständig, setzte seine ersten Sude in der Garage auf, die er als „Joe’s Garage“ noch heute führt und mit dieser Firma weltweit Mini-Brauereien baut und ausrüstet. An die 70 dieser Bier-Produktionsstätten sind bisher mit seinem Know-how entstanden, und immer wieder hat er Bierfreunde aus aller Herren Länder in Pilsen als Gastbrauer zu Besuch.

In seiner Beer Factory, eine Art bieriges Gasthaus, braut er alle möglichen Stile. Vom Amber Ale über IPA bis hin zu einem Black Amber. Natürlich hat er in Pilsen auch ein helles Lager nach Pilsener Art im Angebot – in der Stadt, in der die moderne Biergeschichte der Welt startete, darf das nicht fehlen.  

Diese Reportage wurde unabhängig recherchiert, geschrieben und fotografiert. Die tschechische Tourist-Organisation leistete logistische und organisatorische Unterstützung.

Alle Angaben wurden von dem Autor nach bestem Wissen und Gewissen zusammengestellt und von der Hayit Medien-Redaktion sowie von Fernweh.de überprüft. Allerdings kann keine Gewähr oder Haftung für einen etwaigen Schaden übernommen werden.

Text: Alexander Richter
Fotos: Alexander Richter, Plzen Tourismus

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