Bolivien - Von alten Hüten und eindrucksvoller Kulisse

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Bolivien

Bolivien: Andenstadt Sucre

 

Von alten Hüten und eindrucksvoller Kulisse

Eine der sehenswertesten SBolivien Andenstadt Sucretädte Lateinamerikas ist Sucre, die ehemalige Hauptstadt Boliviens. ln ihrer Abgeschiedenheit hat die überschaubare Stadt ein ruhiges, menschliches Tempo bewahrt. Ebenso wie eine koloniale Besonderheit: europäische Hüte

Reisende, die nach Sucre kommen, sind von der Stadt meist schnell beeindruckt. Denn die ehemalige Hauptstadt – Regierungssitz und Machtzentrum Boliviens ist heute La Paz – liegt auf 2710 m Höhe und hat ein ausgesprochen mildes Klima. Der alte Stadtkern ist durch architektonische Geschlossenheit geprägt. Neoklassizistische und barocke, weiß getünchte Fassaden, koloniale Kirchen und eine schachbrettartige Grundstruktur bestimmen das Bild. Immer wieder stößt man auf kleine Gassen, auf kunstvoll mit Säulen gestaltete Straßenecken, auf malerische Plätze, Einblicke in Patios, schmiedeeiserne Balkons und mit Stuck verzierte Fenster aus der zweiten Hälfte des 18. und der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die Sucre ein andalusisches Flair geben. Immer wieder auch eröffnen sich Ausblicke, denn wie Rom ist die Stadt auf sieben Hügeln errichtet. Die umliegenden Berge, der oft blaue Himmel, die 36 Kirchen und die 19 Glockentürme sorgen für ein eindrucksvolles Panorama.

 

Der erste Schrei nach Freiheit

Mittelpunkt der Stadt ist der Platz 25 de Mayo, an dem die Vergangenheit fast greifbar gegenwärtig ist. Unübersehbar zeigt der ehemalige Regierungspalast, die heutige Präfektur, mit seiner weißen Renaissancefassade und einem überdimensionalen Staatswappen, daß Sucre Hauptstadt war und formell noch ist.

An einer anderen Seite des Platzes steht das Freiheitsmuseum, Casa de la Libertad, in dem Schulkinder in ihren einheitlichen Uniformen die Portraits der großen Freiheitshelden bestaunen und andächtig ihrer Lehrerin lauschen: „Sucre ist die Wiege der Freiheit. Hier ertönte am 25. Mai 1809 der berühmte erste Schrei nach Freiheit. Und nach dem heroischen 16 Jahre dauernden Befreiungskrieg gegen die Spanier wurde hier an diesem Ort am 6. August 1825 die Unabhängigkeitserklärung unterschrieben. Unser Staat erhielt den Namen des großen Simón Bolívar . Die 1538 gegründete Stadt La Plata wurde Hauptstadt und nach dem tapferen Marschall Antonio José de Sucre benannt.“

Die Vergangenheit der Stadt kann sich wahrlich sehen lassen. Sucre ist die Stadt mit den vier Namen: Die Eingeborenen nannten sie Chuquisaca (so heißt heute die Provinz), die spanischen Eroberer Charcas, in Anlehnung an ein präkolumbisches Indianerwesen, und später respektvoll La Plata, wohl in Erinnerung daran, daß ein Teil der Gewinne aus Boliviens Silberminen hier verwendet wurde.

 

Plaza 25 de Mayo: Zentrum der Stadt

Inmitten des von barocken Fassaden umgebenen Platzes treffen sich im Schatten der Palmen, der Lorbeer- und Gummibäume die indianischen Cholos, die Mestizen und die Weißen nach der streng eingehaltenen Siesta, um zu flanieren oder sich auf einer der Bänke zu unterhalten. Neben den Schuhe putzenden Kindern in zerrissener Kleidung und den Süßigkeiten-Verkäufern sitzen die Veteranen des Chaco-Krieges. Sorgfältig herausgeputzte Kinder füttern die Tauben, bevor diese sich auf dem Denkmal des Marschall Sucre niederlassen. Ebenso vertreten sind viele Schüler und Studenten, die hier vor allem am Donnerstag nach alter Tradition um den Platz schlendern – die Jungen im Uhrzeigersinn und die Mädchen in entgegengesetzter Richtung – und scherzend Kontakt aufnehmen.

Viele von ihnen sitzen hier noch nachts unter den Laternen und lernen ihren Stoff nach Landessitte auswendig, da sie oft kein eigenes Zimmer haben. So lernen sie z.B. tagsüber im Bolivar Park und abends hier. Fast überall trifft man einige der 11.000 Studenten, die an der Universität San Francisco Xavier immatrikuliert sind.

 

Politisch-geistiger Brennpunkt Südamerikas

Viele Sucrenser nennen ihre Stadt gern „Ciudad culta“ (gebildete Stadt), und tatsächlich war sie lange Zeit so bedeutend, daß sie als „Hirn des Vizekönigtums Rio de la Plata“ (José Ingenieros) und „Werkstatt der Revolution” bezeichnet wurde.

In der Tat war Sucre einmal ein politisch-geistiger Brennpunkt ganz Südamerikas. Rasch nach ihrer Gründung entwickelte sich die Ansiedlung zu einem der bedeutendsten spanisch-vizeköniglichen Zentren des südamerikanischen Kontinents. Konsequenterweise wurde der Ort 1552 Bischofssitz und 1559 Sitz des königlichen Gerichtshofs. 1624 wurde auch noch die königlich-päpstliche Universität gegründet, die sehr bald Gelehrte aus allen Teilen des Kontinents anziehen sollte.

 

Die Altstadt – praktisch ein Museum

Die Fremden, die heute nach Sucre kommen, finden sich in der Stadt meist schnell zurecht. Sie durchmessen ihren historischen Kern, gehen von Kirchen zu Museen, essen schmackhaft gefüllte Teigtaschen (salteñas) zum zweiten Frühstück und erkennen, daß die gesamte Altstadt praktisch ein Museum ist.

Die Tatsache, daß UNESCO die Stadt kürzlich zum „Kulturerbe der Menschheit“ erklärt hat, bestärkt den Besucher in seinem Glauben, Zeitzeuge von etwas Besonderem zu sein. Erweitern sich jedoch die Anfangseindrücke, zeigt sich einem die Stadt in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit: Ein Großteil der Bevölkerung ist arm und schaut einer ungewissen Zukunft entgegen; für die wenigen Reichen sind ihre Dienstmädchen allzu häufig Menschen zweiter Klasse. Diese und weitere Widersprüchlichkeiten verleihen der liebenswerten Stadt gleichzeitig Züge von Enge und Provenzialismus.

Doch wer Sucre auf seiner Reise durch Südamerika nicht gesehen hat, hat ohne Zweifel etwas versäumt. Wer dazu noch Kontakt aufnimmt zu den Sucrensern und dabei wiederholt feststellt, daß es wohltuend leicht ist, sich mit den Menschen hier auszutauschen, bleibt oft länger in der Stadt als geplant ...

 

Mehr als ein Sonnenschutz: der Hut

Die Cholas, die Quechuafrauen, repräsentieren in ihrer traditionellen Kleidung die bolivianische Kultur – auf der Plaza 25 de Mayo wie außerhalb des fast musealen Zentrums der „Weißen Stadt“, dort wo die Adobehäuser oft keinen Wasser- und Stromanschluß besitzen und der Müll gen Himmel stinkt. Über den Polleras, den langen Röcken, werden wollene Chompa, Pullover, und der Ahuayo, das farbenfrohe, um den Hals gebundene Tuch getragen, in dem alle erdenklichen Sachen und natürlich auch Babies stecken können.Charakteristische Kleidungsstücke der Cholas

Faszinierend sind jedoch vor allem ihre europäisch anmutenden Hüte, die oft an die Bowlerhüte der Londoner Banker erinnern. Zuweilen betonen sie eine stolze Haltung oder wirken gerade im Kontrast zu den weiten rustikalen Röcken fast elegant. Bei einigen haben die Hüte gar etwas Verschmitztes, vor allem wenn sie schief sitzen. Darüberhinaus zeigen die Hüte die regionale Zugehörigkeit an. So werden z.B. in La Paz graue oder braune Bombines (Bowler) getragen, und in Cochabamba werden hohe weiße Hüte aus Gips mit breiter Krempe und schwarzem Band bevorzugt.

Ist der historische Ursprung (siehe Kasten) nur schwer rekonstruierbar, so ist die faktische Herkunft der Hüte eindeutig: neben Ibusa in La Paz ist Charcas Glorieta in Sucre die zweite große Hutfabrik Boliviens. In der Calle Camargo 481, kaum fünf Minuten von der Plaza 25 de Mayo entfernt, steht das langgestreckte weiße Fabrikgebäude.

Die Fabrik wurde von Clotilde Argandona 1929 gegründet. Heute ist die Hutfabrik der größte Betrieb der Stadt mit etwa 150 Arbeitern. Die Produktionszahlen sind beachtlich: 600.000 Hüte werden im Jahr in 150 Modellen hergestellt.

Der Markt ist groß. Von den ca. sieben Millionen Bolivianern tragen drei Millionen Hüte, und zwar während der Feldarbeit genauso wie bei Festen. Außerdem wird noch nach Peru, Argentinien und in die USA exportiert.

Der Rohstoff Schafswolle kommt vom Altiplano, aus Argentinien oder Uruguay, und wird in den alten Fabrikhallen in elegante Hüte verwandelt. Im ersten Arbeitsgang wird die Wolle auf dem Hof abgespritzt und in großen Steinbottichen gewaschen. Danach wird sie geschleudert und in einem geheizten Schrank getrocknet. Eine Maschine zerkleinert sie, bevor sie mit einem Bindemittel zu einem Stumpen, einer weißen Scheibe mit rudimentärer Mützenform verfilzt wird. Diese Rohformen werden dann gefärbt, auf die Modelle gestülpt, geschliffen, vom Staub befreit und maschinell drei Minuten lang zur eigentlichen Hutform gepreßt. In einer anderen Halle werden unterschiedliche Hutbänder genäht und appliziert. In einem Verkaufsraum präsentiert man dann die fertigen Prachtstücke: Tarienos, Jotolenos, Vaqueros Americanos, Petiteros, Pacenos, Capelina, Sombrero Johnson

 

Für viele Aymara und Quechua ist ihr Hut immer noch mehr als nur ein Sonnenschutz. Mit Hutformen, die paradoxerweise europäischer Herkunft sind, demonstrieren die Indigenas ihre Verbundenheit mit der Tradition und ihren Stolz auf ihre indianische Identität.

 

Dirk Bruns

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