Brocéliande/Bretagne

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Brocéliande / Bretagne: Merlin lebt!

Nicht weit von der bretonischen Hauptstadt Rennes hortet der Zauberwald Brocéliande einen Schatz an Sagen. Und verhilft König Artus und dem Personal seiner Tafelrunde zum Leben.

In Brocéliande sind zahlreiche Sagen und Legenden beheimatet – wie die von der Braut, die am Schloss von Trécesson lebendig begraben wurde (Foto: Sabine Mattern)
Schloss von Trécesson, Bretagne

Es war einmal … vor langer Zeit, als hinter den meerumtosten Küsten der Bretagne ein riesiges Waldgebiet das Land bedeckte. So oder so ähnlich könnte eine Geschichte über die Brocéliande beginnen, deren Name auf keiner amtlichen Karte verzeichnet ist. Warum nicht? Weil Brocéliande ein Zauberwald ist. Eine Landschaft, in der die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen. In der ein wahres Staraufgebot an Sagengestalten lebt, liebt und leidet. Von den einst gewaltigen Ausmaßen des bretonischen Waldes blieben der Gegenwart nach intensiven Rodungen jedenfalls nur Bruchstücke erhalten. Wobei Brocéliande – offiziell als Forêt de Paimpont geführt – mit rund 12.000 Hektar das größte der Halbinsel ist.

Keine dreiviertel Stunde braucht man mit dem Auto von Rennes, der Hauptstadt der Bretagne, in das verwunschene Reich im französischen Westen. Äcker und Weiden, auf denen die Kühe ihre Köpfe ins regenverwöhnte Gras stecken, durchbrechen den Wald – wo Eichen, Buchen und Birken ihre belaubten Kronen im Wasser stiller Teiche und munter dahinvagabundierender Bäche spiegeln, wo außer Ginster Tannen und Fichten blasses Heideland begrünen. Einige wenige verträumte Orte verteilen ihre Häuser zwischen den Bäumen. Kirchen und Schlösser setzen neben geheimnisvollen Menhiren und Grabhügeln kulturelle Landmarken. An jedem Quadratmeter Erde haften die Geschichten aus einer anderen Welt. Geschichten wie die von der Braut, die am Château de Trécesson lebendig begraben wurde und deren Geist bis heute rund um das schöne Wasserschloss spukt. Und vergessen wir nicht König Artus und seine Ritter ohne Fehl und Tadel, den Magier Merlin und die Fee Morgane, die die Literatur schon vor Jahrhunderten zu Romanhelden krönte und deren Abenteuer auch in Brocéliande wurzeln.

Menschen aus der ganzen Welt pilgern zu Merlins Grab und lassen kleine „Geschenke“ zurück (Foto: Sabine Mattern)
Merlins Grab, Broceliande, Bretagne

Historie zum Anfassen

Zur Einstimmung geht es für uns zuerst in den Marktflecken Paimpont, wo sich gleich neben dem alten Gemäuer der Abtei die „Porte des Secrets“, die Pforte der Geheimnisse, öffnet. Eine Art 4D-Film nimmt die Besucher über verschiedene Räume mit auf eine fantasievoll gestaltete Reise und macht Lust auf eine persönliche Begegnung mit dem Zauberwald der Bretonen. Was sich per Auto, radelnd und zu Fuß leicht in die Tat umsetzen lässt. Und zwar am besten in Gesellschaft eines professionellen Conteur. Nicolas Mezzalira ist ein solcher Erzähler. Ausgestattet mit derben Wanderschuhen und einem riesigen Wissensschatz führt er seine Gäste trittsicher zu versteckten Orten und berichtet ebenso spannend wie humorig über Artus, den großen König der Briten, der höchstwahrscheinlich nie gelebt hat. Eine Figur, geboren aus den Wirren eines dunklen Zeitalters, über dem die Nebel des Vergessens liegen.

„Wir schreiben das 5./6. Jahrhundert“, erklärt Nicolas, „damals verließen die Römer nach 400-jähriger Herrschaft Britannien und konnten die Insel nicht länger gegen ihre Feinde verteidigen.“ Die Angelsachsen bedrängten das Land, doch bevor es ihnen endgültig in die Hände fiel, soll es einem Heerführer, der Sage nach Artus, gelungen sein, eine Generation lang den Frieden zu halten. Bis zum 7. Jahrhundert wanderten viele Kelten von Großbritannien in die Bretagne aus, brachten neben Kultur und Sprache auch ihre Sagen und Legenden mit, „bewahrt von einer Gesellschaft, die nie etwas aufgeschrieben hatte und erzählt von Harfe spielenden Barden, dem Gedächtnis der alten Götter.“

So also konnte sich auf realen Ereignissen eine der bedeutendsten Sagen der Welt entwickeln, die, in zahlreichen Variationen wiedergegeben, auf beiden Seiten des Ärmelkanals verortet ist. Aber überlassen wir Artus, Lancelot & Co. vorerst ihren Angelegenheiten und wenden uns dem königlichen Berater Merlin zu. Denn der Druide ist die eigentliche Hauptfigur der Brocéliande. Nur wenige Kilometer nordöstlich von Paimpont liegt in Straßennähe sein Grab: Auf einer einsamen Lichtung stehen in einem Kreis junger Bäume zwei uralte Steinbrocken, die dunkle Haut von Flechten bewachsen. Beschriftete Zettel stecken zusammengefaltet in den Felsspalten. Tannenzapfen, Blüten, geschmückte Äste liegen als Geschenke auf der Kultstätte, zurückgelassen von Menschen aus aller Welt. Ob unter den Steinen wirklich der tote Zauberer ruht? Nicolas’ Geschichte lässt uns zweifeln. Doch halt! Greifen wir nicht vor und folgen unserem Conteur zunächst nach Concoret zum Château de Comper.

Im See von Schloss Comper hat Merlin für seine Geliebte, die Fee Viviane, einen Kristallpalast versteckt (Foto: Sabine Mattern)
Château de Comper, Merlin, Bretagne

Merlins Geliebte

Verborgen im Grün überwindet dort ein Brücklein einen brackigen Burggraben und endet vor den Ruinen einst wehrhafter Festungsmauern, an denen das Moos in dicken Büscheln klebt. Dahinter dann das im 16. Jahrhundert erbaute Schloss, das wie ein stummer Wächter erhöht über dem Ufer eines Sees thront. Die Fenster des grauen Steinbaus schauen mit müden Augen aufs Wasser, das sein strahlendes Blau zwischen den Wogen des Waldes verteilt. Nach einem Blick ins Schlossinnere, wo im „Centre de l’imaginaire arthurien“ ein Museum eindrucksvoll die Artus-Sage erzählt, begleiten wir dessen Mitarbeiter Nicolas hinunter zum See und lauschen seinen Worten für eine weitere Geschichte, die mit „Es war einmal ...“ beginnt.

Der Legende nach lebte hier in einem Schloss ein König mit seiner ebenso schönen wie klugen Tochter. Viviane war ihr Name. „Als das Mädchen 15 Jahre alt war, traf es an der wundersamen Quelle von Barenton auf Merlin, und beide verliebten sich unsterblich.“ Zum Beweis für seine Gefühle baute er ihr neben dem väterlichen Schloss einen Kristallpalast und verbarg ihn durch die Illusion eines Sees. „Die Zeit verging“, fährt Nicolas fort, „Jahr für Jahr besuchte Merlin seine Liebste, unterrichtete sie in Magie und machte sie so zu einer mächtigen Fee.“ Er verriet ihr alle seine Geheimnisse. Bis auf eines: wie man einen Mann ohne Mauern gefangen hält. Aber auch das konnte sie ihm nach langem Drängen entlocken und sprach auf der Lichtung, wo sich heute Merlins Grab befindet, die Zauberformel. Seither leben sie gemeinsam im Wald. So heißt es.

Glänzender Auftritt am Feenspiegel: der Goldene Baum (Foto: Sabine Mattern)
Broceliande, Bretagne
Bunter Blickfang am Wegesrand: lila Fingerhut (Foto: Sabine Mattern)
Broceliande, Bretagne

Wandertour mit Gänsehautmomenten

Wie das Zauberergrab oder die Barenton-Quelle lässt sich noch ein weiterer Schauplatz der Artus-Sage auf einem Rundkurs erwandern: das Tal ohne Wiederkehr. Ganz in der Nähe der Eglise du Graal, einem aus dem Stein der Region erbauten Saalkirchlein in Tréhorenteuc, dessen Ausstattung christlichem Glauben, keltischen Traditionen und der Artus-Geschichte gleichermaßen huldigt, trifft man dort auf des Königs düstere Halbschwester, auf Morgane, die Fee. Betrogen von einem Liebhaber, übte sie grausam Rache und belegte den Ort mit einem Fluch. Das „Val sans Retour“ wurde zum Gefängnis für jeden durchziehenden Ritter, der es mit der Treue nicht so genau genommen hatte. Und davon gab es mehr als genug.

Vielleicht hätten wir uns nie in das unheimliche Tal gewagt, wäre uns nicht Lancelot zuvorgekommen und hätte, absolut rein in seiner Liebe zur Königin Ginevra, den Bann gebrochen. So führt uns am Rande Tréhorenteucs ein lichter Weg zwischen Feldern in die schattige Kühle des Waldes. Am See Feenspiegel halten wir auf einer der Bänke kurz inne. Beobachten das stille Nass, über dem bunte Libellen zu unbekannten Choreographien tanzen. Lauschen dem Plätschern des Baches Rauco, der sich ein paar Meter weiter aufgeregt über dicke Steine in die Tiefe stürzt. Und werfen an dem kleinen Wasserfall einen Blick auf den Goldenen Baum, eine von Künstlerhand mit Gold überzogene Kastanie, die umringt von fünf kohlschwarzen Baumstümpfen an den großen Waldbrand von 1990 erinnert.

Rote Erde, geformt zu einem steinigen Weg, begleitet den Bachlauf im stetigen Bergauf durch das enge Schiefertal. Fedrige Farne und Brombeergestrüpp, gelber Hahnenfuß und lila Fingerhut drängen auf den regenfeuchten, schmaler werdenden Pfad, über den schon bald die Wurzeln der Bäume wie alles verschlingende Adern kriechen. Kurz bevor wir den See namens Wildschweinpfütze erreichen und sich der Wanderkurs in ebenso konditionsfordernde wie aussichtsreiche Höhen aufmacht, bleiben wir nochmal stehen. Spüren dem merkwürdigen Geräusch in dem Labyrinth aus Baumstämmen nach und fragen uns fröstelnd, ob Morgane im „Val sans Retour“ nicht doch noch ihr Unwesen treibt.

Männer aufgepasst! Im Tal ohne Wiederkehr hielt die Fee Morgane einst untreue Ritter durch einen Bann gefangen (Foto: Sabine Mattern)
Val sans Retour, Bretagne, Brocéliande

Text und Fotos: Sabine Mattern
Die Reise wurde unterstützt vom Comité Régional du Tourisme de Bretagne und von Atout France.

Informationen

Unterkunft
„Il était une fois“ („Es war einmal“) in Néant-sur-Yvel: Bei Madame Urbain logiert man in vier charmanten Wohnungen inmitten eines zauberhaften Gartens und genießt die Ruhe des Landlebens.
http://tourisme-broceliande.bzh/gites-bretagne-broceliande-il-etait-une-fois 

„Le Relais de Brocéliande“ in Paimpont: Das zentral gelegene Hotel mit seinen 24 Zimmern befindet sich in einer alten Poststation und bietet eine gute Küche.
www.relais-de-broceliande.fr

Château de Comper
Geöffnet März bis Oktober.

Erzählwanderungen
Buchbar beim Centre de l’imaginaire arthurien sowie in den Tourismusbüros von Paimpont und Tréhorenteuc (in den Schulferien), www.centre-arthurien-broceliande.com , www.tourisme-broceliande.bzh , www.valsansretour.com

Infos
www.bretagne-reisen.de

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