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Kanada/Manitoba: Zu Besuch in Churchill an der Hudson Bay

Zwei Polarbären streifen entlang der Hudson Bay bei Churchill (Foto: Alexander Richter)
Polarbären an der Hudson Bay bei Churchill

Der Meister in Weiß weiß genau, was er tut. Vielleicht heißt er Knut, und der ruht -  getarnt durch etwas Eis und ein bisschen Schnee hinter einem Stück grauen Fels, sieht verschlafen und völlig harmlos aus. Und ist doch hellwach. Sein ganzer wuchtiger Körper läuft auf Sparflamme, sozusagen noch im Sommermodus, in dem er sich in den kargen Weiten der nordkanadischen Tundra nur von Beeren und hin und wieder einem fleischigen Zufallshappen á  la Eichhörnchen ernährt hat. Und jetzt hat unser Knut Hunger, einen Bärenhunger!

In Winnipeg gibt es das Inuit-Museum (Foto: Alexander Richter)

(Foto: Alexander Richter)

(Foto: Alexander Richter)

(Foto: Alexander Richter)

(Foto: Alexander Richter)

Die junge Robbe da auf dem Stein, die mit der Flut in die ausladende Hudson Bay gekommen ist und sich jetzt einige zarte Sonnenstrahlen auf den Pelz brennen lässt, kommt ihm gerade recht. Mit erstaunlicher Leichtigkeit tapst Knut sich heran, ein Schlag mit der Tennisschläger großen Pranke – und die leichtsinnige Robbe ist Hackfleisch. Und damit ist die Jagdsaison der Eisbären – wie alle Jahre wieder – eröffnet.

Ein Eisbär testet ob das Eis ihn bereits trägt (Foto: Alexander Richter)
Eisbär in Churchill Hudson Bay

Immer zwischen Oktober und Mitte November friert die Hudson Bay im Norden der kanadischen Provinz Manitoba frühzeitig zu und gibt den Polarbären (wie die weißen Kameraden hier oben heißen) endlich wieder die Gelegenheit, den Permafrostboden der waldreichen Tundra mit ihren Jagdgründen auf Eisschollen auszutauschen. Wir Menschen können dabei sein und die gewaltigen Raubtiere in ihrer Jagdvorbereitung beobachten. Wir können z.B. miterleben, wie die Könige der Tundra jeden Tag aufs Neue den Eistest machen und sich Fragen stellen wie: Ist das Eis schon dick genug? Trägt mich das? Kann ich schon raus zum Jagen? Aber: Der weltweite Klimawandel trifft auch die rund  900 Eisbären der Bay-Region hart und immer härter – ihre Jagdsaison verkürzt sich, weil die Bucht immer länger eisfrei bleibt.

Die Eisbär-Safari beginnt

Das wohlbehütete Abenteuer „Date with a Polar bear“ startet in Churchill, wo einst die Hudson Bay Company (HBC) mit einem schwunghaften Fellhandel ihr Business startete, zum Weltkonzern avancierte und sich vor Wochen die deutsche Kaufhof-Gruppe einverleibt hat.
Wir sind 20 Leute, zumeist betuchte und laute Amerikaner, zwei Kanadier, zwei Französinnen, ein Paar aus Österreich. Wir alle verstecken unsere Körper dick eingemummelt in Fleece- oder Canada Goose-Jacken und erleben den ersten Bärentag in und um Churchill bärenlos. Na ja, nicht ganz. Uns wird so mancher Bär aufgebunden von den alten Bären-Hasen, die diese Tour schon zum dritten Mal machen. Wir sehen ein Bärendenkmal aus Stein, bärige Straßenschilder,  und wir sollen uns mit reichlich Bärenkitsch-Mitbringsel eindecken. Na ja, man muss halt auch mal „nein“ sagen können.

Ankunft mit dem Zug von Winnipeg am Hauptbahnhof von Churchill (Foto: Alexander Richter)
Churchill Hauptbahnhof in Kanada

Churchill nennt sich selbst „Eisbär-Hauptstadt der Welt“, was wir jeden Morgen wieder leicht bekümmert zur Kenntnis nehmen, wenn auf unserem kurzen Frühstücksspaziergang zum rustikalen „Tundra Inn“ Gewehrschüsse zu hören sind. „Da ist mal wieder ein Eisbär der Stadt zu nahe gekommen, die Schüsse sollen ihn vertreiben“, erzählt Expeditionsleiterin Jessica, die im Hauptberuf Fotografin ist. Oft auch tapsen die Bären in aufgestellte Fallen-Fässer, um dann für 30 Tage im Knast bei Wasser, aber ohne Brot zu darben. Dann  werden sie mit dem Heli ausgeflogen und abseits ihrer normalen Laufwege wieder ausgesetzt – in der Hoffnung, dass sie uns Menschen nicht wieder zu nahe kommen. Ihre neue Freiheit wird überwacht – die Bären haben einen weißen Knopf im Ohr.

Das kleine Dorf Churchill, das sich selbst „Eisbär-Hauptstadt der Welt” nennt, hat sogar einen Boulevard (Foto: Alexander Richter)
Straßenschild Churchill in Kanada

Churchill ist ein Dorf, nennt sich aber stolz Stadt. Zu erreichen nur mit kleinen Fliegern (50 Sitze) oder mit dem Zug von Winnipeg (zwei Tage). Ein paar Straßen, darunter sogar ein Boulevard!, drei Kirchen, ein paar Häuser, einige einfache Herbergen wie das „Aurora Inn“, zwei, drei Kneipen, in denen immer wieder mal so richtig der Promille-Bär steppt, ein Schnapsladen, ein Kaufhaus und die Post, wo’s kostenlos einen bärigen Stempel in den Reisepass gibt. Ansonsten fällt das Kaff mit seinen 960 Einwohnern nicht weiter auf, ist ein Klecks in der Weltgeschichte. Und eigentlich sind die Bewohner auch nur dreimal im Jahr alle da, wenn es Geld zu verdienen gilt und die Touristen kommen: Im Frühling zum Nordlicht gucken, im Sommer, um Belugawale zu beobachten und zur Eisbär-Safari im Herbst. Der Rest von Churchill ist Schweigen, Wind und Wetter…

Tag 2: Eisbären in Sicht

Tag 2 beginnt früh: Draußen ist’s grau-trübe und eisig, minus fünf Grad zeigt das Thermometer. Der Churchill-River friert langsam zu. Das letzte Versorgungsschiff machte Ende Oktober im Hafen fest, das nächste komm erst wieder im Juni/Juli. Gefühlt ist’s kälter, das berüchtigte Windfrösteln („Wind Chill“) kommt ins Spiel. Winzige Schneekristalle werden durch die Luft gepeitscht, die wie kleine Messer im Gesicht brennen. „Minus 63 Grad hat man in Kanadas Norden  schon gemessen“, weiß Joan, die Ex-Lehrerin aus Washington. Zum Glück ist es in unserem Allrad-Bus, der uns an einem Ur-Zeit Dino auf Rädern erinnert, mollig warm. Ein kleiner Ofen, auf dem auch ein Topf mit Suppe und Kaffee dampft, bollert kräftig und entschädigt für die Geruchspein der nahen Chemie-Toilette.  Im Schritttempo geht’s mit drei km/h voran, mehr geben die „Mondfahrzeuge“ mit ihren fast zwei Meter hohen Reifen nicht her. Platz ist genug, nur auf der offenen Bus-Plattform hinten, wird’s schon mal eng. Wenn es, wie jetzt gerade, heißt: „Polar Bear auf 2 Uhr.“

Auch die Eisbären zeigen sich beeindruckt von den großen Allrad-Bussen (Foto: Alexander Richter)
Eisbär mit Allrad-Bus an der Hudson Bay

Die nächsten zwei Tage sehen wir Bären satt. In allen Positionen. Schlafend. Marschierend. Solo und zu Zweit. Dicke Exemplare, bei denen die Sommerdiät so gar nicht angeschlagen ist. Sie wirken so plump und bewegen sich doch fast schon grazil. Auch eine Mutterbärin mit zwei Jungen lässt sich blicken – sie beäugt  uns Eindringlinge mit grimmiger Miene. Zwei, drei der weißen Riesen, die manchmal bis zu 700 Kilo auf die Waage bringen, sind besonders neugierig, schnuppern und riechen am Gummi der Reifen und machen sich am Nachbarbuggy ganz groß. Auf unserer Plattform rasseln die Kameras im Dauerfeuer. Am Ende der drei Bären-Tage verkündet Joan stolz: „Das war jetzt unser Bär Nummer 28, wow!“ Sicher ist: Auch der 29. Bär wäre uns willkommen gewesen – die weißen Könige der arktischen Tundra beherrschen majestätisch ihre eisigen Weiten.

Auf allen Vieren sind die Eisbären fast auf Augenhöhe mit den zwei Meter hohen Reifen der Allrad-Busse (Foto: Alexander Richter)
Eisbär an der Hudson Bay in Curchill, Kanada

Abends, auf der Jägermeister-Party im Tundra Inn, erzählen wir von unseren Heldentaten. Viel Bärenlatein ist dabei, das mit jedem Magenschnaps großartiger ausfällt. Fehlt nur noch, dass einer erzählt, er sei dem dicken Bären davon gelaufen. Geht nicht, denn zum einen kommt man gar nicht aus dem Buggy und zum zweiten rasen Polarbären, wenn es sein muss, für kurze Zeit  mit einem Tempo wie Usain Bolt im Zieleinlauf. Also bloß nicht aus dem Buggy fallen…

Schilder wie diese warnen Besucher vor dem Eintritt in das Gebiet der Eisbären (Foto: Alexander Richter)
Eisbärengebiet in Churchill, Kanada

Infos

Eisbär-Touren: Die Eisbär-Safari startet in Winnipeg, die trist-derbe Kapitale der Provinz Manitoba. Aber: In Winnipeg muss man das Museum für Menschenrechte gesehen haben (innen wie außen top!) und den angrenzenden Forks-Park.


Museum für Menschenrechte (Foto: Alexander Richter)

Verschiedene deutsche Reiseveranstalter haben Tundra Buggy Touren vom Marktführer „Frontiers North Adventures“ im Programm, z.B.: Canusa Touristik,
DERTOUR, Explorer Fernreisen, Ikarus Tours , SK Touristik

News zu Churchill und der Provinz  Manitoba findet man hier sowie unter der Hotline 01805 / 526232 (0,14 EUR/Min. aus dem dt. Festnetz, max. 0,42 EUR/Min. aus den Mobilfunknetzen) - info@infokanada.de
Wissenswertes zu Kanada allgemein findet man unter ... hier

Literatur:Kanada – der Westen“, DuMont Reise-Handbuch, 24,99 Euro – und als besondere Lesetipp: „Im Reich der Eisbären“, Tecklenborg Verlag, 28 Euro und „101 Kanada-Westen, Geheimtipps und Top-Ziele“ (Verlag Iwanowski),  14 Euro.

Text und Fotos: Alexander Richter

Hinweis der Redaktion
Diese Reportage wurde unabhängig recherchiert, geschrieben und fotografiert. Logistische Unterstützung kam von Air Canada, Frontiers North Adventures und Travel Manitoba.

Alle Angaben wurden vom Autor nach bestem Wissen und Gewissen zusammengestellt und von der Redaktion von Hayit Medien und Fernweh.de überprüft. Allerdings kann keine Gewähr oder Haftung für einen etwaigen Schaden übernommen werden.