Belgien, Hasselt Lüttich

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Hasselt und Lüttich in Belgien: Wochend-Impressionen

Trommelkurs im Japangarten, Genever und Bier

„Die  Taiko zu schlagen, bedeutet  Geist, Körper und Seele zu erfrischen“, doziert der Zeremonienmeister im weißen Kimono, reckt die Hände mit den Stöcken in die Höhe und gibt den Takt für die Gruppe vor. Die hat sich um das Kreisrund aus dicken Trommeln versammelt und macht eifrig  mit. Schon nach kurzer Probe ist der Meister zufrieden. Seine Schüler haben den Zugang zu einem Instrument gefunden, das seit 2000 Jahren in Ostasien gespielt wird und neuerdings Europa begeistert.

Taiko-Schnuppern gehört im Japanischen Garten im belgischen Hasselt ebenso zum Programm wie  Teezeremonie, Blumenstecken Ikebana oder Origami, die von buddhistischen Mönchen entwickelte Kunst des Papierfaltens. Workshops weisen in die Geheimnisse buddhistischer Lehre und Meditation sowie in die Zubereitung von Sushi ein.

Geschenk von Hasselt-Partnerstadt

Mit 2, 5 Hektar ist dieser Japangarten der größte Europas. Gestiftet wurde er 1992 von Hasselts Partnerstadt Itami, einem  Vorort von  Osaka. Dort versteht man sich bestens auf fernöstliche Gartenkultur. Der Koyake-Park, Itamis grüne Lunge, ist landesweit berühmt. Das inmitten eines kreisrunden Sees installierte Modell der japanischen Inselgruppe zieht jährlich Zigtausende Besucher in den Bann. 

Der Garten ist nach der Teehaustradition des 17. Jahrhunderts angelegt. Verschlungen windet er sich durch das von Bächen, Teichen  und  Wasserfällen geprägte Flora- und Fauna-Paradies. Brücken, Stege und Steine queren die Fluten. In den Teichen tummeln sich Prachtexemplare von goldgelben Kois.  Bänke und Mini-Pagoden laden im Bonsaihain zum Seelebaumeln ein. Besonders stimmungsvoll ist es im Frühjahr, wenn über 250 Kirschbäume in voller Blüte stehen.  

Hasselt revanchierte sich für das Geschenk mit einem flämischen Turmglockenspiel für Itami. Dort, so die Historie, soll der klare Sake erfunden worden sein, der Reisschnaps, der jede Feier in Fernost krönt. Das passt gut zur Städtefreundschaft mit Hasselt, wo die besten Genever Belgiens destilliert werden. Wer das Nationalgetränk aus Wacholderbeeren ausgiebig testen will, ist im  Genevermuseum an der richtigen Quelle. 

Noch mehr Kick entfaltet das Geneverfest im Oktober. Dann herrscht zwei Tage Ausnahmezustand in der Hauptstadt der Provinz Limburg mit  Markttreiben, Umzügen, Tanz, Theater, Kellnerlauf und Geneverfontäne. Die Gastronomie überbietet sich mit Spezialmenüs, Bäcker und Fleischer mischen den  Hasselter Spekulatius und die Gourmet-Pasteten hochprozentig kräftig auf.

Mode hinter Klostermauern

Eine andere Attraktion der schmucken Altstadt ist das Modemuseum. Die sehenswerte Sammlung verbirgt sich hinter jahrhundealten Klostermauern. Sonderschauen informieren über Themen rund um Stoff, Stil und Schick.

Künstler hauchen den verwaisten Häuschen des historischen Beginenhofs neues Leben ein. Klinker und Kopfsteinpflaster, gepflegte Bürgerhäuser, herrschaftliche Villen, Renaissance-Paläste und Art-Deco prägen die Architekturszene mit Boutiquen, Galerien, Ladenpassagen, Gaststätten, Bars und Cafés. Freitags von 12-13 Uhr und jeden ersten Sonntag im Monat erklingt vom Turm der Kathedrale St. Quintinus ein bunter Melodienreigen aus 43 Glocken.

Auf Likör spezialisiert ist „Limburg Lavendel“. Die Blüten für das Getränk kommen von den Feldern gleich nebenan. Die vier Hektar großen Sandböden vor den Toren der Stadt sind ideal für das Wachstum dieser mediterranen Kräuterart, die im Juni und Juli die flämische Garten- und Parklandschaft des Betriebsgeländes in provenzalischem Flair erstrahlen lässt. 55 von 400  Lavendelarten werden angebaut. 500 Kilo Pflanzen ergeben einen Liter Öl. Es fließt in zahlreiche Produkte wie Heilmittel, Honig, Tee, Seife oder Parfum ein, aber auch in Schokolade und Pralinen, die den Besuch versüßen.

Die einst reichste Frauenabtei

Mit hauchzarten Madeleines begrüßt Kloster Herkenrode seine Gäste. 600 Jahre lang beherbergte es  die einst reichste Frauenabtei der alten Niederlande. Die wechselvolle Geschichte der Zisterzienserinnen wird in Bildern, Urkunden und Audiomodellen erzählt. Von 1217 bis 1797 sicherten die frommen Adelsdamen den Wohlstand in der Grafschaft Loon und entwickelten das Kloster zu einem bedeutenden Wallfahrtsort. 

Feuer und Abriss vernichteten ab 1820 weite Gebäudeteile. Die noch verbliebenen Reste, darunter Gutshäuser und 100 Hektar Grund, werden aufwendig restauriert und zu einem Ort der Stille und des Friedens umgestaltet. Der in  Lehr- und Nutzfläche aufgeteilte Inspirationsgarten bietet je 250 verschiedenen Kräutern und Pflanzen Raum. 

Rund um die Abtei leiten Wander- und Radwege durch „De Wijers“, einer wildromantischen Naturlandschaft mit 1175 Weihern. Das Besucherzentrum im Kutscherhaus mit Restaurant und Shop ist reich sortiert. Begehrtes Mitbringsel  ist „Herkenroder Bier“ der Sorten Triple (sehr bitter) oder Brun (dunkel mit leichtem Kaffeearoma) aus einer weltlichen Brauerei.

Gourmet-Rallye: Lüttich schmecken

Ortswechsel. Lüttich, die  zweite  Etappe unserer Wochenendtour, ist nach rund 40 Kilometern schnell erreicht. Das  Touristikbüro hat eine Gourmet-Rallye „Lüttich schmecken“ durch das historische Viertel abgesteckt. Auf der Fährte nach drei Stationen, Chocolaterie, Spezialitäten-Metzger und Waffelbäcker, durchstreifen wir das  Gewirr der kleinen  Straßen und Gassen rund um die Kathedrale St. Paul.  Das ist nicht  ganz leicht im Feierabend-Einkaufsgetümmel bei einem Zeitlimit von einer Stunde, ausgiebige Kostproben inklusive.

Doch was soll`s: Der Abschluss sieht Erste und Letzte einträchtig vereint im „Bierlovers Shop“, wo ein Dutzend Sorten über den Tresen  gehen. Die Gegend rundum ist voller  Kneipen mit eigener Brauerei.

Zwei Kilometer Sonntagsmarkt

Am nächsten Morgen, einem Sonntag, als die Stadt noch schläft, sind die Händler auf dem  „La Batte-Markt“ schon früh auf den Beinen. Über zwei Kilometer am Ufer der Maas erstreckt sich die schier unendliche Warenfülle von Obst, Gemüse, Käse, Brot, Fleisch, Fisch, Geflügel und Wild, bis hin zu Süßigkeiten und China-Plastik. Hühner, Enten, Gänse, Hasen, Kaninchen und Vögel drängen sich in Käfigen und Verschlägen. Händler heizen die Kauflust der Menge mit Mikrofonen und Musik  an. Frauen stöbern in Stoffen und Kleidern. Nachtschwärmer erfrischen sich an Imbissständen. Bewaffnete Polizisten sichern das allsonntägliche Spektakel, das am Mittag endet.

Architektonisches Meisterwerk

Direkt vom Markt geht es per Boot zum Bahnhof Liege-Guillemins. Nach langjährigem Umbau wurde er  2007 für die Hochgeschwindigkeitszüge Thalys und TGV ab Deutschland nach Paris fit gemacht. Ein wellenförmiges Dach aus filigranem Stahl und Glas überspannt die dreistöckige unterirdische Gleisanlage, ein imposantes Meisterwerk des katalanischen Stararchitekten Santiago Calatrava. 

Doch wir steigen nicht in einen Zug, sondern lassen uns in die Zukunft beamen. Unter dem Titel „2030 werde ich 20 sein“ ist im Bahnhof eine spannende Ausstellung (2017-2018) inszeniert, in der sich alles um Leben und Umwelt von morgen dreht.

Zwölf Säle und Kabinette füllen die Vision einer gewaltigen Revolution, die in den Labors von Wissenschaft, Wirtschaft und Technik schon teilweise Realität geworden ist. Wir müssen uns radikal von viel Altgewohntem trennen, lautet die Botschaft der Veranstaltung, die dem 200-jährigen Bestehen der Universität Lüttich gewidmet ist.

Insekten, Algen, Fleisch aus Pflanzen

Nach Prognosen der WHO werden bis 2030 etwa acht Milliarden Menschen den „blauen Planeten“  beleben, ein Viertel davon aus Hunger- und Krisenregionen. Die durch Klimawandel geförderte Landflucht könnte 70 Prozent der Weltbevölkerung bis 2050 in  die Städte treiben, die zu Megastädten explodieren.  Künftige Generationen müssten in kleineren Wohnungen enger zusammenrücken. Da  bliebe nur noch wenig Platz für Bücher, müssten sich Leseratten aus dem Netz bedienen. 

Auf einem Tisch sind die  Lebensmittel von morgen festlich eingedeckt, Insekten, Algen und  Fleisch aus Pflanzen. Erwachsene geben sich eher skeptisch beim Anblick der ungewohnten Gerichte. Sie sorgen sich vielmehr um die Zukunft der guten flämischen und internationalen Küche, die auch wir verkostet haben. Die unbekümmerte Jugend erobert die Weltraumstation, steuert Satelliten durchs All und will das Geheimnis der Schwarzen Löcher lüften.

Karl-Hugo Dierichs

Über den Autor

Karl-Hugo Dierichs ist nach über 50 Jahren als Redakteur und Reporter bei großen Tageszeitungen noch als Freelancer unterwegs. Sein Wahlspruch lautet: „Reisen hält jung". Wer ihn näher kennt, wird es bestätigen. Er lebt in Wuppertal.

Hinweis der Redaktion

Diese Reportage wurde unabhängig recherchiert, geschrieben und fotografiert. Die Reise wurde mit freundlicher Unterstützung von „Toerisme Hasselt“ und „Tourismus Provinz Lüttich“ durchgeführt.

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