Schweiz: In der Eiger Nordwand

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Berner Oberland/Schweiz: In der Wand – Faszination Eiger Nordwand

Fernweh.de-Autor Alexander Richter hoch über Grindelwald mitten in der Eiger Nordwand

Punkt elf Uhr öffnet Kurt das schmale Fenster nach innen. Das ist Teil einer Nottür, die mit wuchtigen Eisenankern fest mit dem steinharten Fels verbunden ist. Drei Minuten sind wir draußen und stehen mitten in der Wand. Nicht in irgendeiner Wand. Ich stehe in der Wand der Wände. Am legendären Stollenloch 3.8 in der wohl berühmtesten Nordwand der Welt. Eine Wand, die niemals die Sonne sieht. An der das Wetter von einer Minute auf die andere umschlagen kann. Und an der in der Geschichte des Alpinismus über 60 Bergsteiger den Tod fanden. Eine Wand, die Respekt fordert und meinen Puls deutlich beschleunigt.

In der Wand der Wände: Am legendären Stollenloch 3.8 in der wohl berühmtesten Nordwand der Welt (Foto: Tourismus JungfrauRegion + JungfrauBahn)
Eiger Nordwand

Nordwand als Mordwand

Warum ich mit weichen Knien hier stehe, hat einen einfachen Grund. Ich hatte zuvor ein Buch gelesen: „Eiger extrem“, das gut erzählt und spannend wie ein Krimi die Geschichte der Besteigung der Wand auf der Direktroute, 1800 Meter steil bergauf, beschreibt. Vor genau 50 Jahren war das. Zwei Teams waren im Rennen. Ein Abenteuer, das damals erfolgreich und doch tragisch verlief. Die Nordwand als Mordwand holte sich auch auf dieser Tour ihr Opfer.
 
Die hohe, steile und extrem abschüssige Eigerwand ist ein Mythos. Sie erlebt bis heute Tragödien und Triumphe, auch wenn die aktuelle Spitzenalpinisten nicht zuletzt dank fortschreitender Technik am Eiger mehr Erfolge als Niederlagen feiern. Seit November 2015 liegt der Rekord für den Durchstieg der Wand bei knapp sagenhaften 2:23 Stunden – die Erstbesteiger hatten drei Tage gebraucht. 2015 verbesserte Ueli Steck den Rekord auf 2 Stunden 22 Minuten 50 Sekunden.

Seit November 2015 liegt der Rekord für den Durchstieg der Eiger Nordwand Wand bei 2:23 Stunden (Foto: Alexander Richter)
Nordwand, Eiger

Nackter Fels so weit das Auge reicht

Da stehe ich also jetzt in gut 2700 Metern Höhe und rund 600 Meter in der Wand auf einem schmalen Streifen aus waagerechtem Fels, bin mit zwei Karabiner-Haken am Umlaufseil gesichert und sehe nach oben. Nackter Fels, so weit das Auge reicht. Nicht wirklich senkrecht, aber doch steil und abweisend. Meine Nerven flattern, mein Puls rast: Vielleicht 50 Meter von mir entfernt zischen links zwei Basejumper fledermausgleich zu Tal – für mich sind das, sorry, wagemutige Wahnsinnige.

Kuhglocken bimmeln zu mir herauf, auch den schrillen Pfiff einer Lok kann man hier oben hören, als stehe man direkt neben der Schmalspurbahn, die jährlich zig zehntausend Touristen aufs Jungfraujoch in über 3450 Metern Höhe bringt. Das Top of Europe ist die Cash-Cow der Berner Alpen – an die 200 Schweizer Franken sind ein teures, aber geiles Luxus-Vergnügen. Vor allem Japaner und Chinesen haben hier im Berner Oberland die Geldbörsen ganz locker sitzen.

Bergführer am Eiger: Kurt Egger (Foto: Alexander Richter)
Kurt Egger, Bergführer am Eiger
Legendär: das Stollenloch 3.8 (Foto: Eigervision)
Eiger Stollenloch

Für diesen höchsten Bahnhof Europas, der – welche Leistung der altvorderen Ingenieure – schon 1912 seine Eröffnung feierte, wurde auch der Eiger durchbohrt. Um den Abraum nach außen zu befördern, sprengten die Mineure gezielt Löcher in die felsige Außenwand – an die 20 dieser Stollenlöcher soll es geben. Das mit der „Hausnummer“ 3.8 ist das bekannteste. Es öffnet sich genau 3,8 Kilometer nach der Kleinen Scheidegg und hat im internationalen Kletterwettstreit um die Eigerkrone mehrfach wichtige Rollen gespielt – nicht immer erfolgreich.

Kurt Egger, mein kundiger Bergführer und Mitbegründer des Berg-Erlebnis-Unternehmens „Eigervision“, kennt hunderte Geschichten um den Berg, auf dem wir stehen und dem schlappe 30 Meter an der bei Gipfelsammlern begehrten 4000er-Höhenmarke fehlen. „Dieser Rummel bleibt uns zum Glück erspart“, sagt der Bergexperte aus Grindelwald und zeigt auf den Mönch nebenan. Der passt mit 4107 Metern Höhe ins Beuteschema der Sammlergemeinde und ist entsprechend frequentiert.
 
Egger, der mich später noch zum Friedhof im Dorf begleitet, wo viele berühmte Bergführer ihre letzte Ruhe fanden (u.a. sein Opa Peter, der 1881 am Mönchsjoch verunglückte), erzählt vor allem gerne von der Erstbesteigung der  Nordwand 1938. Eine deutsch-österreichische Seilschaft um den legendären Bergsteiger Heinrich Harrer („7 Jahre Tibet“) und Anderl Heckmair schaffte den Gipfel via Nordwand. Und wie das Leben so spielt, strich der extrovertierte Harrer den Ruhm ein. Das ärgert Egger bis heute. Denn „eigentlich war Heckmair der Kopf im Berg“. Immerhin trägt die Route der Erstbesteiger seit damals seinen Namen.

Der Autor mit einem „Nordwand-Bier“ ...
Nordwand-Bier, Eiger Nordwand
... am Stollenloch 3.8 (Foto: Eigervision)
Stollenloch 3.8, Eiger Nordwand

Da, wo ich jetzt in der Wand stehe, sind viele Seilschaften vorbei gekommen. Die ersten 600 Steil-Meter sind am Stollenloch geschafft, wir sind ungefähr 2700 Meter über Null. Die Kletterei bis hierhin habe ich mir erspart – für unsere kleine Gruppe legte die Jungfraubahn am Stollenloch einen außerfahrplanmäßigen Extra-Stopp ein. Wir schlüpfen schnell hinaus und zwei Dutzend Japaner wollen es uns nachtun. Sie drängen und schubsen und wir tun dasselbe in die andere Richtung. Das Stollenloch 3.8 ist nichts für leichtbeschuhte Normaltouristen in Shorts und Top …

Tragödie in der Nordwand

Mittlerweile habe ich etwas Zutrauen gewonnen, vertraue auf die Kraft der beiden Karabinerhaken und steige zehn Meter zur Seite und nach unten. Ungefähr an dieser Stelle erfror im Juli 1936 der deutsche Bergsteiger Toni Kurz beim gescheiterten Nordwand-Versuch. Das Stollenloch und damit die Rettung im Blick verließen Kurz die Kräfte. Die Retter sahen ihn, konnten mit ihm sprechen, erreichten ihn aber nicht. Er starb vor ihren Augen. Welch eine Tragödie.   

Während ich noch meinen Gedanken nachhänge, bläst Kurt zum Aufbruch. 60 Minuten in der Wand, das muss reichen. Nicht ohne uns – „ausnahmsweise“, sagt er – noch ein Nordwand-Bier in die Hand zu drücken, das zwei Deutsche unten in Grindelwald brauen und clever vermarkten. Das „3970“ zischt Bier nur so herunter, aber wahrscheinlich hätte hier jedes „After Adventure-Bier“  gemundet wie die erste Schoki nach der Fastenzeit.

Sehr touristisch: Grindelwald zählt 4000 Einwohner – und 16.000 Gästebetten (Foto: Alexander Richter)
Grindelwald

Apropos Grindelwald: Die kleine Gemeinde, die ebenso wie das benachbarte Wengen extrem vom Tourismus lebt, zählt 4000 Einwohner, aber 16.000 Gästebetten. Das heißt: In der mehr oder minder ganzjährigen Saison verfünffacht sich in Spitzenzeiten die Menschenanzahl im Städtchen, das sich noch einen kleinen natürliche Kern um Kirche, Friedhof und Heimatmuseum (lohnend u.a. ist Harrers Uralt-Motorrad ausgestellt) bewahrt hat. Derzeit erschüttert ein lustig-lukullisches Theater das Städtchen, weil ein einheimischer Fast-Food-Laden heftig für einen „Eiger-Burger“ wirbt und  damit Rösti und Co. Konkurrenz macht. Die Einheimischen mögen das/ihn gar nicht…

Die gesamte Region, die unter dem Label „Schweizer Alpen Jungfrau-Aletsch“ seit 15 Jahren zum UNESCO-Welterbe gehört, wird als „Jungfrau“ vermarktet,  lädt auf gut 500 Kilometern mit markierten Spazier-, Wander- und Bergwegen mit allen möglichen Schwierigkeitsgraden in die alpine Welt ein. Spektakulär ist der Eigertrail: Am Fuße der Wand läuft man von der Station Eigergletscher der Jungfraubahn nach Alpiglen und ist rund drei Stunden unterwegs. Nötig sind gute Wanderschuhe und ein bisschen Kondition – der Rest ist Bergerlebnis pur, ein Herantasten an die Wand.

Kleine Scheidegg: Panorama-Balkon für die umliegende Bergwelt auf 2.000 m (Foto: Alexander Richter)
Kleiner Scheidegg, Berner Oberland

Ich bin aus der Wand mittlerweile wieder auf der Kleinen Scheidegg (die gibt es ein paar Kilometer entfernt auch in Groß) angekommen. Von Lauterbrunnen und Grindelwald aus kann man auf diese Passhöhe gelangen, die so etwas wie der Panorama-Balkon für die umliegende Bergwelt ist. In „Eiger extrem“ spielt ebenso wie das Stollenloch und die Bahn-Station „Eigerwand“ eine entscheidende Rolle. In den etwas in die Jahre gekommenen Hotels der Anhöhe auf gut 2000 Metern saßen bei vielen der frühen Klettertouren Beobachter, Gäste und Journalisten an den Teleskopen auf den Hotelterrassen und beobachteten die Seilschaften hautnah. Und von hier erlebte auch der britische Autor Peter Gillman, der als Berichterstatter beim Rennen um die Nordwand-Direttissima dabei war, den Todessturz des Amerikaners John Harlin auf der später nach ihm benannten Route. 

Wohl nirgendwo auf der Welt wird derart großes Kino um Berge und ihre Besteiger geboten wie hier im Berner Oberland: Man ist bei Cappuccino und Kuchen live dabei, wenn in der Wand der Wände die Post abgeht. Die Faszination Eiger, sie lebt. Bei mir nach meinem Ausgang aus dem Stollenloch sowieso.

Text: Alexander Richter
Fotos: A. Richter, Eigervision, Tourismus JungfrauRegion/JungfrauBahn

Weitere Informationen

Infos
www.jungfrauregion.ch  
www.MySwitzerland.com 
Anreise
Von Deutschland aus ist das Berner Oberland direkt mit dem ICE bis Interlaken zu erreichen.
Stollenloch 3.8
Das beschriebene Abenteuer zum und am Stollenloch 3.8 wird von den Bergspezialisten von Eigervision und nur für Gruppen (ab 5 Personen) angeboten (www.eigervision.ch). Der Preis fängt bei ungefähr 3500 Euro an.
Hoteltipp Grindelwald
Das 4-Sterne-Haus Aspen im gleichnamigen Stadtteil hat Wohlfühlcharakter und mit Rui einen Oberkeller aus Madeira, der ne freundliche Wucht ist.
Preise Schweiz
Leider sind Ferien in der Schweiz nach der Franken-Aufwertung  für deutsche Besucher sehr teuer. So kostet auf dem „Burger-Index“ z.B. ein Whopper-Menü (klein) stolze 15.30 Franken. Essen im Restaurant ist um gut 20 Prozent teurer als in Deutschland, auch viele Hotels langen kräftig zu. Tipp: Preise vorab vergleichen und ggf. selbst verpflegen (FeWo).

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Literatur
Eiger extrem
Das Rennen um die Nordwand-Direttissima

von Peter und Leni Gillman
448 Seiten, AS-Verlag, Zürich
ISBN: 978-3-906055-43-5
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Dieser Reisereport wurde unabhängig recherchiert, fotografiert und geschrieben – mit logistischer Unterstützung von Schweiz Tourismus (Frankfurt). 

Alle Angaben wurden von dem Autor nach bestem Wissen und Gewissen zusammengestellt und von der Hayit Medien-Redaktion sowie von Fernweh.de überprüft. Allerdings kann keine Gewähr oder Haftung für einen etwaigen Schaden übernommen werden.

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