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Israel: Das (Un-)Heilige Land

Glaube, Geschäft und Glücksmomente: Impressionen einer Israel-Rundreise

Die Morgenansicht vom Ölberg auf die Skyline von Jerusalem ist eine der schönsten „Stadt-Blicke“ der Welt (Foto: Alexander Richter)
Ölberg in Jerusalem

Der erste Anlauf zum salzigen Selbstversuch geht schief. Der zweite auch und da wird vor allem das sich wieder Aufrichten zur clownesken Zirkusnummer. Nach zehn Minuten aber habe ich den Bogen raus. Ich habe Vertrauen in das Wasser oder besser: Ich glaube, dass das salzschwere Nass des Toten Meeres mich trägt. Einfach zurücklehnen und sich langsam auf den Rücken fallen lassen. Es klappt. Wie von selbst kommen die Beine hoch und ich liege, oh Wunder, auf dem Wasser. Am nächsten Tag sogar mit einer Zeitung.

Fernweh-Autor Alexander Richter lässt sich auf dem Toten Meer treiben
Totes Meer Israel

Das Tote Meer, seit biblischen Zeiten bekannt für seine natürliche Heilwirkung, ist einer der Höhepunkte jeder Rundreise durch Israel. Ein Land mit faszinierenden Landschaften, eindrucksvollen Zeugnissen des Heiligen Landes und vielen ungelösten Problemen der Gegenwart. Die meisten Rundreisen durchs Land starten am Airport Ben Gurion bei Tel Aviv.

Tel Aviv: Partycity trifft auf historische Stadt

„Mensch, haben Sie ein Glück“, begrüßt Shoshana Wagner, unsere Reiseleitung, die Gruppe, „im Frühling regnet es hier ganz selten.“ Wir können unser Glück kaum fassen, denn es regnet nicht: Es schüttet. Von der größten City des Landes sehen wir nichts, außer unserem Hotel, das im Sabbat-Modus läuft: kein Bier, der Aufzug hält automatisch auf jeder der 15. Etagen. Und es ist Time to check out: 45 Minuten Wartezeit, um ins Zimmer zu kommen.

Wir sehen das alte „osmanische“ Jaffa, das heute mit Tel Aviv zusammen gewachsen ist und das bei mir Erinnerungen an meine Kindheit weckt: Anni, meine Mutter, meinte immer, dass die Jaffa-Orangen die besten seien. Für zehn Schekel (rd. 2,50 Euro) leiste ich mir am Hafen ein Glas frischgepressten Saft – lecker.

Dass Tel Aviv die tolerante und lebenslustige Feier- und Freuden-Meile des Landes sein soll, habe ich in Büchern gelesen. Tage später treffe ich Stefanie, eine junge Dortmunderin, die mir erzählt: „In zwei Monaten bin ich wieder hier, eine Woche mit Freunden, da wird jeden Tag Party gemacht.“ Statt Party begebe ich mich auf historische Spurensuche.

Die alten Stadtkerne zeugen von der historischen Bedeutung der Städte Tel Aviv-Jaffa und Jerusalem (Foto: Alexander Richter)
Jerusalem Altstadt

Hafenstadt Akkon: Aufgeschlossen und friedlich

In Caesarea erahnen wir in alten Trümmern, dass dies einmal in der Geschichte eine bedeutende Hafenstadt war. Akko, nicht weit von der derzeit ruhigen Grenze zum Libanon, begeistert als UNESCO-Kulturerbe. Man riecht, man schmeckt, man hört den Orient: Basare, Moscheen, Karawansereien. Hier leben viele arabische Israelis, auch orthodoxe Juden, die uns mit ihren schwarzen Hüten und langer Lockenpracht auf dieser Reise in Akko das erste Mal begegnen. Sie huschen vorbei, denn sie sind immer in Bewegung, dürfen keine Zeit vertrödeln, so will es ihr Glaube.

Salam, mein Zahnarzt in Leverkusen, kommt aus Akko. Er sagt: „In Haifa und Akko leben Araber und Juden locker miteinander. Da sitzt man nebeneinander im Restaurant und scherzt und lacht.“ Jedenfalls haben sich einst die Kreuzfahrer baulich hier ausgetobt – ihre unterirdische Stadt ist, fein restauriert, ein Schmuckstück.

In trockenen Subtropen wie dem Nahen Osten hat das Wasser eine große Bedeutung. Dazu gehört auch das Tote Meer (Foto: Alexander Richter)
Totes Meer Israel, Jordanien im Hintergrund

Wasser – Quelle allen Lebens mit hohem Konfliktpotenzial

Über die sanften Hügel Galiläas kommt später am Tag der See Genezareth in Sicht, und wir gehen alle zuvor quicklebendig „über den Jordan“! Der Fluss, um dessen Wasser es so viel Streit gibt u.a. zwischen Israel, dem nahen Jordanien, Syrien und den Palästinensern im Westjordanland, ist ein Rinnsal, keine drei Meter breit. Er entspringt in den von Israel besetzten Golanhöhen, die dieses Gebiet derzeit unter keinen Umständen an Syrien zurückgeben wollen – das „bisschen Jordan-Wasser“ ist ein zentrales Element in der Trinkwasserversorgung aller Anrainerstaaten. Mehr Wasser gibt es hier nicht. Pläne, mit Kanälen vom Mittel- oder vom Roten Meer Meer-Wasser für die Region künstlich herbei zu transportieren und damit auch das zum Teil schon arg ausgetrocknete Tote Meer aufzufüllen, scheitern bislang an der technischen Herausforderung, am Geld und an einer politischen Vision. Die hat hier, so kommt es uns vor, kein Mensch so richtig.

Eine Reise in die Vergangenheit – die Landschaft wird „biblischer”

En Gev am See Genezareth ist ein freundliches Kibbuz, das u.a. mit Obstanbau und Tourismus Geld verdient. Die neuen See-Appartements sind allererste Wahl. Spätestes in dieser Ecke holt uns auch die biblische Geschichte ein: Kapernaum, Tabgha mit der Brotvermehrungsgeschichte, der Berg der Seligpreisungen – Orte, die jeder Christ kennt.

Der Masada ist ein isolierter Tafelberg am Rande der judäischen Wüste – heute Weltkulturerbe (Foto: Alexander Richter)
Masada Israel

Weiter geht es südwärts. Die Landschaft ändert sich, wird wüstenähnlicher, bergig und staubiger. Wir passieren Jericho, eine der ältesten Städte der Welt, halten aber nicht an. Im Palästinensergebiet (Westbank) macht die jüdische Reiseleitung nur wenige Worte. In der Ferne flimmert das salzige Nass des Toten Meeres im grellen Licht, das vom Plateau von Masada ein ideales Hintergrundmotiv für Fotofans bietet. Masada, ein isolierter Tafelberg am Rande der judäischen Wüste, ließ König Herodes einst als Wohnfestung anlegen, soll aber selbst dort nie wirklich eingezogen sein. Erst im 19. Jahrhundert wurde die Festung aus der Vergessenheit der Geschichte gerissen, mächtig entstaubt und wird bis heute – mittlerweile als Weltkulturerbe – ausgegraben.

Der kleine Nationalpark En Gedi ist einen Stopp und eine Wanderung zum David-Wasserfall wert - einer grünen, wasserreichen Oase inmitten der Wüste. Das nahe Qumran wurde einst mit dem Fund uralter Bibelschriftrollen bekannt – ihre Deutung ist bis heute umstritten, und sie gingen als „Verschlusssache Jesus“ in die Literatur ein.

Blick von den Ruinen der antiken Siedlung Qumran über das Tote Meer inmitten der Judäischen Wüste (Foto: Alexander Richter)
Judäische Wüste bei Qumram

Jerusalem: Ballungsraum der Religionen und Kulturen

Jerusalem ist das emotionale Highlight jeder Israelreise und vor allem eine geballte Ladung Geschichte, die man hier sehr direkt anfassen, riechen, schmecken, genießen kann. Man begreift rasch, wie eng hier drei Welt-Religionen neben- und kaum wirklich miteinander leben. Juden, Moslems, diverse christliche Gruppen haben alle ihre Probleme und Problemchen miteinander – und sei es nur, dass sich Padres und Mönche nicht einig werden über die Putzdienste in der Grabeskirche. Via Dolorosa, der Garten Gethsemane, der Felsen Golgotha: einiges ist hängen geblieben aus längst vergangenen Messdienerzeiten.

Jerusalem bewegt: Für die Christen ist die Grabeskirche der Ort der Verheißung: An der Stelle, wo Jesus der Geschichte nach gekreuzigt wurde, küssen Gläubige aus aller Welt und jeden Alters den Boden, was lange Wartezeiten nach sich zieht, weil so mancher Bückling  doch schon arge Probleme hat mit der Gelenkigkeit. Ähnliches gilt für die leere Grabkammer.

Die Klagemauer in Jerusalem: Hier sind Juden jeder Ausrichtung – aber streng nach Geschlecht getrennt – im Gebet vereint (Foto: Alexander Richter)
Klagemauer in Jerusalem

Auf den Tempelberg beten Moslems zu Allah – im Felsendom mit seiner weithin sichtbaren goldenen Kuppel die Frauen, in der eher grauen Al-Aksa-Moschee die Männer. An der nahen Klagemauer sind Juden jeder Ausrichtung (von orthodox bis locker-liberal) im Gebet vereint, wobei auch hier Männer und Frauen getrennt werden. Was zu grotesken Szenen führt, wenn die Familie zur Bar Mitzwa ihres 13-jährigen Sprösslings geladen hat, der mit dem Vater und allen männlichen Anverwandten  links feiert, während rechts die Mutter und Freundinnen der Familie auf Hockern über den hölzernen Trennzaun schauen und mitfeiern.

Jerusalem befremdet, ist Offenheit und Misstrauen zugleich. Während der Hof des österreichischen Hospizes in der quirligen Altstadt ein Ort der Ruhe und Abgeschiedenheit mit köstlichen Apfelstrudel und einer Wiener Melange ist, erlebt man in den Straßen und an markanten Plätzen immer wieder israelische Polizisten und Soldaten als Wachposten, die sich mit verspiegelter Sonnenbrille und aufreizend kaugummikauend betont lässig und cool geben und den schmalen Grat zur Arroganz nicht selten überschreiten.

Die vermutete „Geburtsstelle” Jesu Christi innerhalb der Geburtskirche in Bethlehem (Foto: Alexander Richter)
Geburtskirche in Bethlehem

Dazu passt: An der Klagemauer sehe ich einen Soldaten, der mit geschultertem Maschinengewehr seine Gebete verrichtet – der politische Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern, für den nur theoretisch Lösungen in Sicht scheinen, ist hier sicht- und greifbar. Noch deutlicher wird dies in Bethlehem, an der Jesus-Geburtskirche. Stadt wie Stätte sind Palästinensergebiet und von Israel durch ein acht Meter hohes Mauermonstrum abgeschnitten. Dieses graue Machwerk, das böse an schlimmste Berliner Mauerzeiten erinnert, wird vom israelischen Militär scharf bewacht und von den umstrittenen Siedlern doppelt missbraucht: Sie schmeißen ihren Müll einfach über die Mauer auf die arabische Seite…

Symbol des politischen Konflikts: Eine Mauer trennt Palästinensergebiet von Israel (Foto: Alexander Richter)
Mauer in Bethlehem

Dass man mit dem Glauben auch gut Geschäfte machen kann, beweist an der Via Dolorosa der fromme Moslem Masen Kanaan. Er ist groß ins Kreuzgeschäft eingestiegen, die er in Größen aller Art vorrätig hält und die er an fromme Pilger verleiht, die die Straße der Leiden mit ihren 14 Kreuzwegstationen auf gut 700 Meter buchstäblich mit Kreuz erleiden wollen. Das Geschäft  scheint gut zu laufen: Als wir den pfiffigen Masen treffen, schleppt er gerade zwei Holzkreuze wieder zurück von der Grabeskirche in sein Lager. Denn die Pilger leiden alle nur oneway, zurück geht’s nonstop ins Hotel zum Duschen. Übrigens: Nicht alle Stationen des Kreuzweges sind wirklich noch frommen Charakters. Station 4 ist ein Café, an vielen Orten plärrt – sozusagen als Passionsweg der Jetzt-Zeit – schräge Musik aus unsichtbaren Lautsprechern, und die Souvenirhändler werden nicht müde, Dornenkronen aus Plastik anzupreisen. Glaube und Geschäft koalieren gut in Jerusalem.

Der geschäftstüchtige Masen Kanaan verleiht Holzkreuze, die Pilger auf dem Kreuzweg bis zur Grabeskirche tragen (Foto: Alexander Richter)
Kreuzverleih am Kreuzweg in Jerusalem

Zurück ans Tote Meer: Entspannen kann man hier ganz gut, denn große Aktivitäten scheitern an zweierlei. Mangels Masse fällt ein großes Besichtigungsprogramm am tiefsten Punkt der Erde (minus 417 Meter) aus, zumal alles und jedes hier sprachlich auf russische Mittelschicht-Urlauber zugeschnitten ist. Für Putins Landsleute ist das Tote Meer ein Ziel wie Mallorca für Deutsche und Engländer– mit allen Begleitumständen, die einen Urlaub nicht unbedingt erlebenswerter machen. Das Dienstleistungspersonal, das in Israel eh nicht von der schnellen Truppe ist, versteht in den Hotels, Touristenbüros oder beim Tour-Operator am Toten Meer manchmal ein wenig Englisch, meistens aber nur Bahnhof, sogar Hauptbahnhof. Und was „fried Eggs“ sind, weiß Küchengehilfin Natascha morgens am Frühstückbuffet im Hotel auch nicht. Ich bekomme ein Omelett. Was bitteschön heißt Spiegelei auf Russisch?

Infos

www.goisrael.de

– Für Israel-Anfänger ist eine Rundreise ideal, auf der man in einer Woche das kleine Land kompakt erlebt. Es gibt zahlreiche Pauschalangebote, wir fuhren mit dem qualitativen Studienreise-Marktführer „Studiosus“.

– Die meisten Hotels in Israel entsprechen in puncto Sauberkeit und Service nicht deutschen Erwartungen und wecken den Spieltrieb: Ich sehe einen Fleck, den du nicht siehst… Sehr viele Häuser haben zudem einen ziemlich großen „Renovierungsstau“.

– In den Touristenhotels werden die Mahlzeiten fast ausschließlich in Buffetform angeboten. Das leckere arabische Essen bietet immer diverse Salate (z.B. Hummus, das ist eine Kichererbsencreme) an. Das israelische Bier ist süffig, der Tischwein wird von der Sonne nicht wirklich verwöhnt.

– Die Sicherheitslage in Israel kann sich täglich ändern. Touristenreisen sind in der Regel sicher, viele geplante Touren und Reisen werden aber oft auch kurzfristig abgesagt. Auf alle Fälle sollten die Reisewarnungen des Auswärtigen Amtes in Berlin ernst genommen werden.

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Text und Fotos: Alexander Richter

Alle Angaben wurden vom Autor nach bestem Wissen und Gewissen zusammengestellt und von der Redaktion von Hayit Medien und Fernweh.de überprüft. Allerdings kann keine Gewähr oder Haftung für einen etwaigen Schaden übernommen werden.

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