Kanalinsel Jersey - das fast vergessene Naturparadies

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Kanalinsel Jersey – das fast vergessene Naturparadies

Gärten, Herrenhäuser und jede Menge Gaumenfreuden

Endlich taucht aus dem dichten Nebel ein Flecken Land unter mir auf. Da ist es also, das kleine Eiland im Kanal zwischen zwei Welten. Jersey – die Insel ganz dicht an der französischen Küste. Ein Kronjuwel, das sich heute in einen dichten weißen Mantel hüllt, dessen Schönheit ich in den nächsten Tagen erst Stück für Stück entdecken muss und will.

Weite ausladende Strände und ein unverwechselbarer Blick auf das berühmte Elizabeth Castle erfreuen den Betrachter bei einem ersten Spaziergang an der Küste von St. Helier, der quirligen Hauptstadt Jerseys, die sich vor allem zum Einkaufen hochklassiger Mode und Spezialitäten eignet.

Dank des unglaublichen Tidenhubs von zwölf Metern zieht sich das Meer bei Ebbe sehr weit zurück, um bei Flut bis an die Küste zu stürmen. Fast kümmerlich und einsam liegen kleine Boote ob des fehlenden Wassers unter ihrem Kiel hilflos auf dem Sand. Wie gut, dass das Wetter auf Jersey niemals von langer Dauer ist. Auf dichten Nebel und Regen folgen sehr schnell Sonnenschein und Wärme. So lässt sich die Natur dieser einzigartigen Insel besonders intensiv erleben. Die kleine, aber feine Insel im Kanal zwischen Frankreich und England ist nicht Teil des Vereinigten Königreichs, sondern untersteht als Kronbesitz direkt der britischen Krone, genau wie die Nachbarinseln Guernsey und Sark. Sogar eine eigene Währung gibt es auf Jersey, das Jersey-Pfund, das jedoch außerhalb der Insel nirgendwo getauscht werden kann und dort auch keine Gültigkeit besitzt.

Ich beginne meine Inselerkundung in den Gärten der Domaine des Vaux im Örtchen St. Lawrence. Schnell bemerke ich, dass auf der Insel die meisten Straßennamen sowie Namen von Häusern und Bewohnern in französischer Sprache sind. Dies rührt vor allem von Jerseys französischer Vergangenheit her. Denn ursprünglich waren alle Kanalinseln Teil der Ländereien des Herzogs der Normandie und wurden im Jahr 1066 von Herzog Wilhelm dem Eroberer zu einem Teil Englands. Die Nähe zur französischen Küste und die Prägung der Bevölkerung in Richtung Frankreich, ohne jedoch die Herrschaft der englischen Kündigung in Frage zu stellen, ist charakteristisch für die Bewohner der Kanalinseln.

Wilder Garten, der auf Entdeckung wartet

Angekommen auf der Domaine des Vaux, begrüßen mich die Eheleute Binney auf ihrem Anwesen. Marcus Hugh Crofton Binney ist der Besitzer der liebevoll angelegten Gartenanlage, die jedoch vor allem von seiner Frau Anne und einem Angestellten Gärtner gepflegt wird. Binneys Mutter, Lady Sonia Beresford Whyte, die Ehefrau des berühmten Polarforschers Sir George Binney, legte den Garten 1969 in mühevoller Detailarbeit an. 1987 übernahm Marcus Binney, der eigentlich in Essex lebte, das Anwesen seiner Mutter und führte es fort. Abwechslungsreiche Bepflanzung und ein das ganze Jahr blühender Garten sind die Leidenschaft von Anne Binney, auf deren Initiative auch das jährlich stattfindende Opernfestival in den Gartenanlagen zurückgeht.

Die Vielfalt der hier angelegten Bepflanzung mutet an wie ein wilder Garten, der auf seine Entdeckung wartet. Eigentlich war Marcus Binney früher Foto-Journalist und interessierte sich vor allem für Schlösser in Europa. Aber der Garten sei zu seiner Passion geworden, lacht der freundliche 73-Jährige, der mit verschmitztem Gesicht und markantem Hut durch sein grünes Anwesen flaniert und den Gästen stolz die Farben- und Blütenpracht der Domaine des Vaux präsentiert. Das riesige Anwesen verfügt über zahlreiche Baumarten, einen Kamelienwald und über 40 Arten von Sträuchern Azaleen, japanische Ahornbäume und mehrere Teiche. Stattlich wie ein Prinzessinnengarten kommt vor allem der auf mehreren Ebenen angelegte Garten vor dem Bauernhaus des Anwesens daher. Wichtig ist Anne Binney die verschiedenfarbige Bepflanzung der Gartenbereiche, erklärt die fleißige Gärtnerin.

Die Vielfalt an schönen Gärten ist groß

Beeindruckt verlasse ich dieses Anwesen um mich weiteren, grünen Entdeckungen in der Natur der Insel Jersey zu widmen. Lange brauche ich nicht zu suchen, denn die Vielfalt an besonders schönen Gärten auf der Insel ist groß. Samarès Manor in St. Clement ist an Einzigartigkeit und Schönheit kaum zu überbieten. Hier residiert Vincent Obba, der Lehnsherr der Königin. Einst war er Rechtsanwalt, bis er zum Gärtner wurde und seine Leidenschaft in der Apfelzucht entdeckte. Den Botanischen Garten freilich gab es schon lange vor ihm. Denn das Herrenhaus Samarès Manor stammt ursprünglich aus dem Mittelalter und wurde 1924 von Sir James Knott übernommen, der im Laufe der 20er und 30er Jahre hier einen Botanischen Garten anlegte. Die Weitläufigkeit des Geländes mit seinen satten grünen Wiesen, herrlichen Rosenanlagen, blau blühenden Lavendelfeldern, Wasserspielen und einem japanischen Garten sowie zahlreichen weiteren Freuden floristischer Art lassen das Herz eines Natur- und Gartenfreundes höher schlagen. Der feinsinnige Lehnsherr erzählt bescheiden vom Wachstum seiner sich fortwährend verändernden Parkanlage und im Laufe seiner Darstellungen erfahre ich, dass es auch hier seine Frau ist, die die Passion für die Gartenkunst pflegt und die Anlage zusammen mit einigen Helfern in Schuss hält.

Die wilde Natur und ihre Schätze

Mehr kultivierte Natur könnte ich auf Jersey erleben, dessen Lebensart eine Mischung aus französischem Savoir-vivre und britischem Lifestyle bildet. So zeigt sich etwa die preisgekrönte Orchideenzucht der Eric Young Foundation als Eldorado für Liebhaber gezüchteter Blumenwunder.
 
Mich zieht es in die wilde Natur. Am südwestlichen Zipfel der Insel gelange ich nach La Corbière, wo ich das bedeutendste Wahrzeichen der Kanalinsel entdecke. Es ist der Leuchtturm, der auf einem kleinen, vorgelagerten Felsen in St. Brélade thront. Rund um den Leuchtturm eröffnen sich ausgedehnte, malerische Strände und dahinter attraktive Dünenlandschaften mit kleinen Hügeln, die weite Ausblicke ermöglichen. Hier an der Südwestküste zeigt sich auch der einst von der deutschen Wehrmacht erbaute Atlantikwall sowie zahlreiche Bunkeranlagen, die in die Dünen hineingeschlagen wurden. Allerorts sind die Spuren der deutschen Besatzungszeit während des Zweiten Weltkriegs noch deutlich sichtbar und werden als Teil der Geschichte Jerseys präsentiert. Mancherorts werden diese Bunker heute umfunktioniert zu Restaurants und Bars. Eine genussvolle Nutzung der gar nicht appetitlichen Bauten.

In dieser Landschaft treffe ich auf Kazz Paddier, einen persisch-englischen Insel-Indianer, der sich mit den Früchten der Natur bestens auskennt. Ich lerne die Bedeutung von Rocksampfer, Algen, Seespinat kennen, schmecke den salzigen See-Meerrettich, erfahre, dass sich die großen Blätter der gemeinen Klette sehr gut eignen, um darin Meeresfrüchte einzuwickeln und am nahe gelegenen Strand zu grillen. Auch das Anzapfen einer Birke und die Gewinnung von Birkensaft und dessen Verarbeitung zu Most erklärt mir Kazz bei unserem Spaziergang von der Küste hinauf in die Hügel der grünen Landschaft im Südwesten Jerseys. Ich lausche seinen Worten und vernehme, welche Pflanzen giftig sind und welche ich essen darf, denn nicht selten sehen giftige und essbare Pflanzen sehr ähnlich aus. Daher erfordert es eine gehörige Portion Erfahrung und Naturkenntnis, um in der Wildnis auf Nahrungssuche gehen zu können. Den flüssigen Abschluss dieser genussreichen Naturerkundung bildet ein Gläschen Holundersekt, den Kazza selbst aufgesetzt hat.

Mehr wilde Natur vor allem die Steilküsten und grünen Weiten möchte ich kennen lernen auf Jersey. Denn die Insel ist nicht nur ein hervorragendes Surferparadies wie etwa im Südwesten des Eilands, sondern weist besonders im Norden Klippen und Steilküsten auf, die man sonst nur aus Irland oder ähnlichen Inseln kennt.

So wandere ich von Plemont im Nordwesten Jerseys nach Grève de Lecq oberhalb der steil abfallenden, schroffen aber sehenswerten Klippen. Wer Glück hat, kann auf dieser einzigartigen Wanderroute zahlreiche Vogelarten entdecken wie etwa den Papageientaucher, der auf der Insel zu Hause ist. Mehr als 20 km Wegstrecke oberhalb der Felsen eröffnen dem Wanderer Einblicke und Ausblicke, die ihresgleichen suchen.

Natürliche Frische - Jerseys Gaumenfreuden

Doch was wäre die attraktivste Wanderung oder die schönste Naturbeobachtung, wenn der kulinarische Genuss dieser herrlichen Natur zu kurz käme. Wie gut dass Jersey so nah an Frankreich liegt. Denn dadurch hat die französische Küche und der Hochgenuss seinen Einfluss in die Küche Jerseys gefunden. Besonders frischer Fisch und Meeresfrüchte kommen hier auf den Tisch, ebenso wie Weißwein der auf Jersey dank des milden Klimas angebaut wird.  Auch der Cider erfreut sich hoher Beliebtheit, denn Äpfel verarbeitet man hier gerne und vielfältig. Eine Spezialität sind zudem auch die Erdäpfel, die Jersey-Kartoffeln „Jersey Royals“ , welche sogar als Souvenir hohen Anklang bei Inselgästen finden. Salziges Karamell wie man es aus der Bretagne kennt, auch die sogenannte „Black Butter“, eine Marmelade aus Äpfeln und Zimt und der Apple Brandy als Ponton zum Calvados gehören hier ebenso zu den Spezialitäten wie ein kräftiger Gin vor dem Essen. Und dank der Jersey-Kuh, deren Milch besonders fetthaltig ist, spielen Milch und Käseprodukte auf der Insel eine große Rolle. Gerne kommt neben dem Fisch auch Lammfleisch in verschiedenen Variationen auf den Tisch. Die Früchte der Natur werden auf der Insel in raffinierten Kombinationen ausgiebig in der Küche genutzt. Gaumenfreuden, die man sich als Inselbesucher keinesfalls bei seinem Aufenthalt entgehen lassen sollte.

Keine Insel, große Vielfalt

Noch viel mehr hat diese kleine Insel mitten im Kanal zwischen Frankreich und England zu bieten, wie etwa die Bucht von St. Aubin oder das malerische Fischerdorf Gorey mit seinem stolzen Mont Orgueil Castle auf dem Hügel, die beliebte „Jersey Pearl“, zahlreiche Museen und Herrenhäuser, atemberaubende Küstenabschnitte, das Naturreservat Les Mielles oder die Lavendelfelder im Südwesten der Insel. Mich begeistert vor allem die Herzlichkeit der Menschen, die nicht zuletzt aus der interessanten Kombination von französischer Lebensart und englischer Verbindlichkeit herrührt. Eine kleine aber feine Insel mit großer Vielfalt, die zu erneuten Entdeckungsreisen einlädt.

Kurz notiert

Wie kommt man hin?
Die Anreise nach Jersey gestaltet sich am einfachsten mit dem Flugzeug, z. B. ab Düsseldorf mit Eurowings direkt nach Saint Helier, die Hauptstadt der Insel.

Unterkunft
Eine gediegene Unterkunft mit Aussicht auf einen weitläufigen Strand und mit hervorragend ausgestatteten Zimmern sowie einem schönen Wellness-Bereich bietet das L'Horizon Beach Hotel & Spa im Südwesten der Insel an der St. Brelades Bay. Vor allem die Restauration in diesem Hotel lässt das Herz eines Kulinarikers höher schlagen
www.Handpickedhotels.Co.Uk/lhorizon

Restaurant
Gute und frische Küche in einem stilvollen Ambiente am Hafen von Gorey bietet das Restaurant Sumas http://sumasrestaurant.Com

Attraktionen
Mehr Informationen zu den Gärten der Domaine des Vaux und dem dortigen Opernfestival gibt es hier:
https://en-gb.Facebook.com/domainedesvauxoperafestival 

Den Botanischen Garten von Samarès Manor findet man hier:
www.Samaresmanor.com 

Orchideenfreunde finden ihre Passion bei der Orchid Foundation in Victoria village.
www.Ericyoungorchid.org 

Wer mit Kazza auf Adventure Tour gehen möchte, findet Informationen auf Wild Adventures Jersey www.Wildadventuresjersey.Com 

Wanderungen kann man auf Jersey mit und ohne Guide unternehmen. Informationen gibt es bei Jersey Uncovered: www.Jerseyuncovered.com 

Mehr Informationen gibt es bei Visit Jersey: www.Jersey.com 

Text und Fotos: Philip Duckwitz

Alle Angaben wurden von dem Autor nach bestem Wissen und Gewissen zusammengestellt und von der Hayit Medien-Redaktion sowie von Fernweh.de überprüft. Allerdings kann keine Gewähr oder Haftung für einen etwaigen Schaden übernommen werden.

Hinweis der Redaktion
Diese Reisereportage wurde unabhängig recherchiert, fotografiert und geschrieben. Die Reise auf die Insel Jersey wurde durchgeführt mit freundlicher Unterstützung von Visit Jersey.

Über den Autor

Der „Journeylist“ Philip Duckwitz arbeitet als freier Journalist und Autor in Köln. Auf seinen Reisen um den Erdball, die er am liebsten in wenig bekannte Länder und Regionen unternimmt, öffnet er seinen Lesern Türen zu unerschlossenen Blickwinkeln. Bekanntes neu entdecken und Neues bekannt zu geben, unter dieser Prämisse reist der Journeylist auf der Suche nach den Schätzen dieser Welt.

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