Portugal: Lissabon

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Lissabon – die weiße Stadt am Tejo

Foto: Fernweh.de

Stadt zwischen Moderne und Melancholie

Bonbonfarbene Postmoderne neben nostalgischen Trams, Schauplätze stimmungsreicher Melancholie wie kühner Zukunftsvision, Metropole mit zweierlei Charakter: eine Stadt am Strom und eine Stadt der Hügel, der wunderschönen Aussichten, der schrägen Aufzüge

Bevor die Tram der Linie 28 quietschend die steile enge Gasse zum Castelo hinaufkurvt, nachdem sie durch Häuserschluchten zur geradlinigen Baixa hinab stürzt, erscheint am Horizont die bonbonfarbene Postmoderne von Amoreiras. Unterwegs aussteigen und eintauchen – in stimmungsreiche Melancholie, in die Exotik des Bairro Alto, in die weiße Alfama. Schlendern im noblen Chiado, schauen vom höchsten Miradouro, staunen über kühne Zukunftsvisionen längs des Tejo. Die Metropole zeigt sich als Stadtlandschaft mit zweierlei Charakter. Sie liegt am Strom, der hier schon fast Meer ist und auch so heißt: Mar de Palha, nach dem Stroh, das einst die weite Bucht bedeckte. Und sie liegt auf sieben Hügeln, jede eine kleine Welt für sich und lauter nachbarschaftliche Quartiere. Geprägt wird das Bild des alten Lisboa vom tiefsten Einschnitt ihrer Geschichte, dem Erdbeben am 1. November 1755. Die nördliche Neustadt ließ Felix Krull, den Hochstapler aus Thomas Manns Roman, schwärmen: „Welche Stadt, welche Avenuen, welche Parks, welche Promenaden.“ Entsetzen überkommt uns angesichts der „bairros de lata”, jenen Blechdosenvierteln der Allerärmsten abseits der Touristenstrecke. Mit dem doppelten Brückenschlag nach drüben hat die Zwei-Millionen-Metropole weit nach Süden ausgeholt; im Osten ist am EXPO- und neuem Messegelände das gewaltige EXPO URBE-Quartier entstanden.

Auf sieben Hügeln gelegen ist Lissabon eine der schönsten Städte Europas<br>Foto: Ertay Hayit / Fernweh.de

9 Minuten bei Wert 9

Das Kreuzritterheer Afonso Henriques erstürmte Lissabon im Oktober 1147, Afonso III. machte es 1256 zur portugiesischen Hauptstadt. Ende des 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts erlebte sie einen gigantischen Aufschwung, aber ihre große Blütezeit als Welthandelsstadt währte keine 100 Jahre. 1580 beendeten die spanischen Rivalen das Goldene Zeitalter; brasilianisches Gold und Diamanten brachten im 18. Jahrhundert einigen wenigen viel Reichtum. Dann kam das Terramoto: am 1. November um 9 Uhr 40 wurde der erste Erdstoß registriert. Das Beben dauerte nur 9 Minuten und erreichte Wert 9 auf der Richter-Skala. 20.000 Menschen verloren im Chaos, beim sechstägigen Großbrand ihr Leben. Der Hof und der Adel hatten Lissabon bereits vorher verlassen, feierten Allerheiligen auf dem Lande. Paläste, Kirchen, Kunstschätze, geheime Dokumente der Entdeckungszeit wurden ein Raub der Flammen. Bei der Neugestaltung ließ König José I. seinem Günstling, dem Marquês de Pombal, freie Hand. Der baute die neue Baixa am Lineal: nichts tanzt aus der Reihe. Lissabon blieb Hauptstadt eines armen, zentralistisch regierten Landes mit viel zu großem Kolonialreich – bis zur Nelkenrevolution. Und es blieb bis heute Metropole am Rande, am Ende – oder am Anfang Europas.

Baixa

Dem Fluss wendet die Handelsstadt den Praça do Comércio zu; bis 1755 stand auf dem Terreiro do Paço der Königspalast. Im 16. Jahrhundert wurden am Quai alle Schätze der Welt entladen, jetzt legen nahe der neuen U-Bahn-Station die Tejo-Fähren ab. Durch den Triumphbogen im repräsentativen Arkadenbau, der den Platz begrenzt, betritt man die von Pombal nach dem Erdbeben rechtwinklig angelegte Unterstadt. Hier findet man allerlei Geschäfte und in Hinterhöfen hier und dort noch alte Handwerksbetriebe. Links streckt der Elevador de Santa Justa sein schnörkeliges Eisenfiligran hoch – seit fast 100 Jahren (von 7 bis 23 Uhr) ein stilvoller Aufstieg in die mondäne Oberstadt. Von der Aussichtsterrasse bietet sich ein herrlicher Ausblick auf das Treiben gut 30 Meter tief unten. Mittelpunkt städtischen Lebens ist der Rossio-Platz am Nordende der Baixa. Hexenverbrennungen, Stierkämpfe, Maskenfeste gab es hier; jetzt bieten Schuhputzer, Losverkäufer, Wahrsager ihre Dienste an. Am Platz befindet sich das Nationaltheater Dona Maria II. und der – Estaçao do Rossio, von außen eher ein pompöses Kaufhaus der Plüschzeit als ein Bahnhof.

Die Stadt zu Füßen - mit grandiosen Aussichten bis zum Rio Tejo<br>Foto: Fernweh.de

Castelo und Alfama

Steile Straßen, enge Gassen bestimmen das Leben in beiden Quartieren. Das Viertel oberhalb der trutzigen Kathedrale am Burgberg ist eher still, alte Bausubstanz wird mit Design zur feinen Adresse. Auch alternative Kultur konnte sich rund ums „Chapito” etablieren. Die weiße Stadt am Abhang zum Fluss, die maurische Alfama, kam heil durchs Erdbeben. Malerisch ist die labyrintische Verschachtelung der vielen Treppenwege. Hier findet man noch die Esslokale, die kein Schild an der Tür aufweisen und oft nur mit einem winzigen Speiseraum neben der Küche ausgestattet sind. Um die Kirche São Miguel stehen vornehme Häuser, am Largo do Salvador sogar ein adliger Stadtpalast. Spuren des jüdischen Ghettos, der Brunnen Chafariz d’El Rei mit einer Röhre für braune Menschen und einer für schwarze, kleine Kramläden und immer wieder der Tejo-Blick – am schönsten vom Miradouro de Santa Luzia, ein lauschiger Laubengang mit der Bilderwand von Azulejos.

Hinterhofromantik in den Straßen der Altstadt<br>Foto: Fernweh.de

Graça und Mouraria

Das Viertel nördlich vom Burgberg bietet nichts Spektakuläres – außer dem fast vollkommenen Rundblick vom Largo do Monte, dem Miradouro in hundert Meter Höhe. Typisch für das Quartier sind die Vilas, sozialer Wohnungsbau der Jahrhundertwende, mit Balkonen und vielen Azulejos nett hergerichtet. Hinter dem Burghügel lag das Mauren-Quartier, heute Kleineleutegegend im Umbruch und bis zur Sanierung ein Rotlichtbezirk. Die Rua das Portas de Santo Antão ist Fressgasse und Vergnügungsmeile mit dem Zirkusbau des „Coliseu“; da wirkt die Casa do Alentejo wie ein anachronistisches Überbleibsel aus der großen Zeit der Gutsherrlichkeit.

Chiado

Mehrere Stockwerke oberhalb der Baixa setzt sich das Geschäftsviertel fort. Hinein geht es mit dem Riesenfahrstuhl. Von der Terrasse bietet sich ein schöner Blick auf die Ruine der gotischen Karmeliterkirche Igreja do Carmo, ein Werk des Erdbebens. Aus der Asche des Brandes von 1988 ist die Rua do Carmo neu entstanden. Die Rua Garrett, Laufsteg der feinen Welt, wurde vom Feuer verschont. So blieb der Charme erhalten: die antiquierten Auslagen, die gediegenen Interieurs. Vor dem berühmten Café „A Brasileira” sitzt in Bronze gegossen Fernando Pessoa, der wohl bedeutendste moderne portugiesische Dichter.

Überall in Lissabon trifft man auf mit Azulejos verziehrte Fassaden<br>Foto: Fernweh.de

Bairro Alto und Bica

Zwei schräge Aufzüge stehen zur Auswahl: die eine Standseilbahn kommt von der Avenida da Liberdade, die andere durch die Bica hoch, dem Hafen- und urtümlichen Fischerviertel in Steillage am Tejo, mit vielen Kneipen und preiswerten Lokalen und einer großen gusseisernen Markthalle am Cais do Sodre. Mehrere Miradouros bescheren eine schöne Aussicht; ein Blick zur Burg bietet sich vom schattigen Platz neber der Bergstation des Elevador da Glória. Die Straße Dom Pedro V. führt bergauf zum Praça do Principe Real: Rast unter dem Dach der Platane, eine Partie Schach im Terrassencafé. Das Bairro Alto wurde planmäßig angelegt, als vornehmes Ausweichquartier für die enge Unterstadt. Später strebten die Reichen und Wohlsituierten hinaus ins Grüne, und die Oberstadt wandelte sich zum Kleingewerbeviertel. Inzwischen kam es in Mode: Antikläden und Galerien, gestylte Bistros und Discos gesellten sich zu den Bäckern, Möbeltischlern und Druckern. Schon länger war der Fado auf dem Hügel zuhause – nicht so sehr für zahlungskräftige Touristen, sondern für eine vertraute Nachbarschaft. Ungewohnte Töne kommen aus den ehemaligen afrikanischen Kolonien; Ziel für exotische Klänge ist die Rua do Poço dos Negros.

Lapa und Estrêla

Das Diplomatenviertel am Parlamentshügel: Hier gibt es Häuser, die über und über mit Azulejos verkleidet sind, edle Jugendstilfassaden, kühle Paläste hinter hohen Mauern. Die Basilica da Estrêla ist eine der Kuppelkirchen, die das gelb-grau-grüne Lissabon immer noch zur strahlend weißen Stadt machen (und wieder ein schöner Blick), umgeben von einem sehenswerten Palmengarten. Von der begehbaren Kuppel hat man einen ausgezeichneten Rundumblick. Wer gerne Friedhöfe besichtigt, dem seien zwei empfohlen: in der Nähe der Cemitério Inglês für Engländer und Exil-Monarchen, weit im Westen (Endstation der Eléctrico 28) der riesige Cemitério dos Prazeres.

Parks und Avenidas

Jenseits vom Rossio-Platz leitet Lissabons Pracht- und Palmenboulevard der Jahrhundertwende, die Avenida da Liberdade, den Besucher hinauf zur Rotunda, dem Pombal-Platz und zum Parque Eduardo Vll, der grünen Lunge der Großstadt. Die Estufa Fria oben im Park ist ein Gewächshaus voller tropischer Pflanzen. Nordöstlich der Rotunda stehen entlang den Avenidas Novas meist Wohnbauten der Salazar-Ära: schmuck gepflegt, aber in der Masse monoton. In der Avenida da República verbirgt sich zwischen der Moderne aus Glas und Stahl Jugendstil par excellence: das „Café Versailles”.

Ideal zum Entspannen sind die zahlreichen Parkanlagen der Stadt<br>Foto: Fernweh.de

Am Tejo nach Belém

S-Bahn und Uferstraße führen durch Alcantâra, wo die Lagerhäuser mit den anarchistischen Wandgemälden nun Atelier-Lofts und Techno-Discos beherbergen. Gut 70 Meter weiter oben rollt der Verkehr auf der Ponte 25 de Abril, zur Einweihung 1966 die längste Hängebrücke Europas. Drüben breitet Jesus seine Arme aus: die Statue des Cristo Rei steht auf einem hohen Sockel mit Aussichtsterrasse (Fahrstuhl) und weitem Blick über die Stadt. Wo die Ozeanriesen andockten, im Gare Marítima de Alcantâra und im da Rocha sind großartige Fresken von Almada Negreiros zu sehen, dem bekannten portugiesischen Künstler. Bélem ist berühmt für Kunst und für Kuchen: Cremetörtchen mit Zucker und Zimt aus der „Confeitaria dos Pastéis”.

Blick auf die Ponte 25 de Abril, einst die längste Hängebrücke der Welt<br>Foto: Fernweh.de

Mehr als eine Kunst: die Klänge des Fado

Fado ist ein eigentümlicher Gesang, der meist in Moll und in trauriger, klagender Art, verbunden mit wiederholten Tonhöhenwechseln vorgetragen wird. Die Texte stammen von populären Volksdichtern, werden zum Teil aber auch karikiert oder improvisiert.

Durch viele Moll-Melodien hat sich die Meinung gefestigt, dass Fado grundsätzlich traurig sei, was aber nicht stimmt. Fado ist eine Musik, die aus der Seele der Menschen spricht. Sie kann viele Stimmungen widerspiegeln. Die Fadistas (Sänger oder Sängerinnen) werden von Gitarrenlauten begleitet.

Bedauernswerterweise verkommt der Fado mehr und mehr zum Touristenschnick-schnack, vorwiegend im Algarve und auch in vielen Lokalen von Lissabon; ursprünglich und volkstümlich gebliebenen Fado kann man noch am besten im Norden hören, z.B. in Porto.

Der Besuch eines solchen Lokales ist nicht immer billig, in der Regel wird eine Eintrittgebühr verlangt oder ein Mindestverzehr erwartet. Die Vorstellungen in den kleinen, verdunkelten Kellerräumen beginnen erst ab 22/23 Uhr. Falls man während einer solchen Darbietung die Gaststätte betritt, sollte man nicht die andächtig lauschenden Einheimischen mit der Platzsuche stören, sondern eher respektvoll am Eingang bis zur nächsten Pause warten.

Alle Angaben wurden von dem Autor nach bestem Wissen und Gewissen zusammengestellt und von der Redaktion von Hayit Medien und Fernweh.de überprüft. Allerdings kann keine Gewähr oder Haftung für einen etwaigen Schaden übernommen werden.

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