Nepal

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Göttin auf Zeit

Namaste! Nepal nach dem Umwelt-Desaster: ein kleines Land mit großer Hoffnung

Die Spuren des Erdbebens von 2015 sind in Nepal noch vielerorts sichtbar (Foto: Alexander Richter)
Nepal, Tempel

Die Hoffnung stirbt zuletzt, heißt es. Auch für das Dach der Welt besteht nach dem großen Erdbeben von 2015 diese Hoffnung. Die Menschen hoffen auf neue Häuser, neue Straßen, neue Schulen. Eine Souvenirhändlerin hofft auf bessere Geschäfte, wenn die Touristen erst wieder kommen. Wir hoffen, dass sich der Smog verzieht und wir die schneeweißen Gipfel der Himalaya-Riesen sehen können. Und auch die Kumari hofft – auf ein Leben danach.

Das einsame Leben der Kumari

Die Kumari (wörtlich übersetzt heißt‘s Mädchen) wird in Nepal als lebende Gottheit heiß und innig verehrt – als Inkarnation der Hindu-Göttin Taleju. Und weil die Kumari so beliebt ist, gibt es sie gleich mehrfach an verschiedenen Orten. Wir haben ihre Gottheit in ihrem Bahal-Palast in Kathmandu besucht. Nur: Unsere Kurzvisite war nach zwei Minuten erledigt, in denen sich die Kumari immerhin oben am Hoffenster zeigte, streng bis arrogant guckte und schon wieder verschwunden war. Fotografieren darf man sie nicht, da passen strenge junge Männer mit Argusaugen auf. Aber man darf am Ausgang für 100 Rupien (ein Euro) eine Portrait-Postkarte der Schönheit kaufen. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt…

Die Kumari wird in Nepal als lebende Gottheit verehrt: Reiseguide Indra zeigt ihr Porträt (Foto: Alexander Richter)
Kumari, Nepals lebende Gottheit

Das Leben der Kumari ist einsam. Sie wird mit vier Jahren in einer Art Wettbewerb „Nepal sucht den Superstar“ aus der Kaste der Gold- und Silberschmiede auserwählt – und eingesperrt. Eine fremde Familie kümmert sich um sie, er- und verzieht sie und verwaltet die 100 Dollar (US), die eine Kumari pro Monat ein Leben lang erhält. Die göttliche Honorierung wurde vor einiger Zeit eingeführt, als die Kandidatinnen weniger wurden. Kumari bleibt man, bis die erste Menstruation kommt oder anderweitig Blut fließt.

Es soll schon Mädchen gegeben haben, die vom Göttinnen-Getue die Schnauze voll hatten, die ein Messer ansetzten und so lange ritzten bis… Auch mit Männern haben die Kumaris, so erzählt es Indra, der Reiseführer, so ihre Problemchen. Die Göttinnen auf Zeit gelten zwar theoretisch als gute und dollarschwere Partie, sie sind es aber auch gewohnt, die Pantoffeln an zu haben. Zumal halte sich der Aberglaube, dass die Männer der Kumaris früh das Zeitliche segnen. Merke: Göttin zu sein, ist bisweilen kein Traumjob…

Sehenswert: Das Goldene Tor in Bhaktapur (Foto: Alexander Richter)
Nepal, Goldenes Tor in Bhaktapur

Gelungene Restaurierung traditioneller Bauten

Von den vielen hundert Tempeln Nepals beeindrucken die auf dem autofreien Durbar Square (Hauptplatz) in Bhaktapur äußerst nachhaltig. Der alte Königspalast, das Goldene Tor, der Sonnentempel – die kleine Stadt (70.000 Einwohner) ist eines der Zentren der religiös-kulturellen Aktivitäten des Himalaya-Landes. Bhaktapur kann auch als Musterbeispiel gelten für eine gelungene Restaurierung traditioneller Bauten und Paläste.

„Deutschland hat uns hier in der ersten Bauphase sehr geholfen“, erzählt ein lokaler Guide, der sich noch gut an den Besuch von Kanzler Kohl 1987 erinnern kann, vor allem daran, dass man keinen passend-breiten Stuhl für Kohl fand – die Nepalesen sind klein und eher schmächtig… Die Erdstöße von 2015 (56 Sekunden) haben auch den Hauptplatz in Mitleidenschaft gezogen – einige Tempel und Paläste wurden zerstört oder beschädigt, viele werden von mächtigen Holzbalken abgestützt. In der Fülle der vorhandenen Gebäude fallen die Lücken indes kaum – es gibt genug zu sehen. Für Nicht-Hindus ist der Eintritt in einige Tempel übrigens nicht gestattet. Da helfen auch keine Ad-hoc-Bekehrungen…

Überall begegnen uns freundliche Menschen
Menschen in Nepal
Ein Sadhu gilt bei den Hindus als heiliger Mann
Sadhu - heiliger Mann in Nepal
Durbar Square in Patan (Fotos: Alexander Richter)
Durbar Square in Patan, Nepal

Gefahren der Straße

Der Straßenverkehr in Nepal ist gewöhnungsbedürftig, um nicht zu sagen: chaotisch. Gefahren wird immer da, wo gerade Platz ist. Eine an sich zweispurige Straße wird so im Handumdrehen in eine vierspurige Trasse verwandelt, weil Truckfahrer Singh beschließt, in der komplett unübersichtlichen Kurve zu überholen, weil er mit seinem Fahrerkollegen Raschid (der schleicht zehn Lkw weiter vorne die Passstraße lang) noch ein Hühnchen zu rupfen hat.

Also: Ausscheren, den Gegenverkehr aus dem Weg hupen, wild mit dem rechten Arm aus dem offenen Seitenfenster rudern und los. Dumm nur, dass Fahrerkollege Musra im Gegenverkehr ebenfalls meint, da überholen zu müssen, wo das nun absolut nicht möglich ist. Ergebnis: Nichts geht mehr. Als dann auch noch ein Kleinmotorrad versucht, sich an vier Lkw vorbeizuquetschen und stürzt, ist es endgültig vorbei. Nur im Schleichgang geht es vorwärts, über zwei Stunden dauert die Engpass-Plackerei – und so braucht man für eine 200 Kilometer-Fahrt (von Kathmandu nach Pokhara) auch schon mal zehn Stunden.

Gefahren wird wo Platz ist auf Nepals Straßen (Foto: Alexander Richter)
Bus in Nepal

Hoffnung auf Rückkehr der Touristen

Zurück ins Tal von Kathmandu, nach Bhaktapur. Wir treffen nahe des Durbar die Souvenir-Händlerin Laxmi Punra. „Hoffentlich kommen bald die Touristen wieder und kaufen bei mir“, sagt die junge Frau, die mit ihrem Mann im letzten Herbst einen Kredit aufgenommen hat, um einigermaßen durch den Alltag zu kommen. Die beiden haben es noch gut: Ihre beiden Kinder studieren und jobben im Ausland, können die Familie unterstützen. „Hoffentlich sind die zerstörten Häuser bald wieder aufgebaut“, sagt Indra Mainali, der freiberuflich Reisegruppen führt und seit einem Jahr von der Hand in den Mund lebt. Er zeigt uns eine von zahlreichen Zelt-Siedlungen, in denen die Ärmsten der Armen hausen, die durch das Beben fast alles verloren haben. „Natürlich ist das alles sehr schlimm, aber genauso schlimm ist, dass die Touristen wegbleiben. Wir brauchen auch ihre Unterstützung – unser Land hat auch weiterhin so viele kulturelle Schätze zu bieten.“

Da hat er zweifelsohne recht, wer sich aber ein Jahr nach der größten Naturkatastrophe, die Nepal je getroffen hat, in Kathmandu und Umgebung (hier lag auch das Epizentrum) umschaut, hat sehr häufig den Eindruck: Viel passiert ist bislang nicht in Sachen Wiederaufbau. Halb eingestürzte und noch mehr mit Holzstangen abgestützte Häuser fallen auf, ebenso leer gefegte Plätze, auf denen einmal ein Haus, eine Schule, ein Tempel gestanden hat. Wo, fragt man sich da, sind nur die Milliarden der internationalen Hilfsgemeinschaft hingeflossen?

„Gute Frage“, sagt ein Direktor der Tourismusbehörde im Gespräch mit fernweh.de, „wir sortieren immer noch und machen Programme.“ Erst vor wenigen Monaten wurde eine entsprechende Behörde geschaffen, und man hofft in der Hauptstadt, dass es jetzt vorangeht. Das Problem war natürlich auch, dass das kleine Himalaya-Land als gebirgiger Puffer zwischen den Großmächten Indien und China gerade den politischen Übergang probt – von der zuletzt sehr selbstherrlichen Monarchie zur Demokratie, deren Spielregeln noch eingeübt werden. Das alles ist keine stabile Basis für ein modernes Krisenmanagement.

Überall sind die Spuren des Erdbebens in Nepal noch sichtbar
Vom Erdbeben zerstörte Häuser in Nepal
Das Erdbeben zerstörte auch einen Tempelwagen (Fotos: Alexander Richter)
Erdbebenschäden in Nepal

Sehenswert: der Goldene Tempel in Patan

Wir schlendern durch die schrill-lauten Straßen Kathmandus, besuchen das quirlige Patan (das manchmal auch Lalitpur heißt) und hören tausendfach die Willkommensformel „Namaste“. Ein Wort, das in beinahe allen über hundert verschiedenen Sprachen und Dialekten Nepals verstanden wird. Wir schauen uns um und haben ständig hartnäckig-freundliche Krims-Krams-Verkäufer als Begleiter. Manchmal hilft da nur ein harsches „No!“ weiter.
Auf an die 50 Tempel bringt es allein der zentrale Platz in der Hauptstadt und auch wenn es zynisch klingt: Wenn davon fünf beschädigt oder zerstört sind, fällt das uns Außenstehenden gar nicht auf. Unbedingt anschauen muss man sich in Patan den Goldenen Tempel Hiranya Varna Mahavihar, der ziemlich versteckt in einer Nebenstraße zu finden ist und in den Reiseführern als „Geheimtipp“ geadelt wird. Lohnend in der Hauptstadt ist auch der Töpferplatz.

Lohnenswertes Ziel: der Töpferplatz in Kathmandu (Foto: Alexander Richter)
Töpferplatz in Kathmandu

Nepal – das Dach der Welt

Die meisten Gäste, die Nepal bereisen, tun dies wegen der grandiosen Natur und gewaltigen Berge. Von den 14 Achttausendern der Welt strecken sich acht in Nepal in die Höhe (einer in China, fünf in Pakistan). Hinzu kommt eine vierstellige Zahl an Sechs- und Siebentausendern – Nepal, so heißt es, ist das Dach der Welt. Wer das Hochland erlebt hat, weiß warum.
Als wahrscheinlich touristischste Stadt des Landes gilt Pokhara, die auch als Ausgangspunkt für Bergtouren ins Annapurna-Massiv gilt. Rund um den Phewa-See stoßen Reisewelten aufeinander: hier die ambitionierten Bergsteiger und -wanderer, dort die letzten Hippies, und am Ende der Hauptstraße wartet die Studiengruppe aus Deutschland auf den Bus.

Stupa von Bodnath in Kathmandu (Foto: Alexander Richter)
Stupa von Bodnath in Kathmandu

Bandipur: Oase der Ruhe

Zwei Tipps: Einen Stopp wert ist auf halbem Weg zwischen der Hauptstadt und Pokhara das ziemlich verschlafene Bergstädtchen Bandipur, ein alter Handelsplatz, dem der Handel auf dem Weg von Indien nach Tibet abhanden gekommen ist. Heute ist Bandipur eine Oase der Ruhe, hübsch herausgeputzt und touristisch erschlossen. Wer Glück hat und wem der Wolkengott gnädig ist, der erlebt von hier die schneebedeckte Phalanx von drei Berggiganten jenseits der 8000 Meter bei einer Tasse Tee von der gemütlichen Terrasse des Old Inn.
Tipp 2: In und um Pokhara bieten sich zwei sehr unterschiedliche Hotels für einen Aufenthalt an: das Fünf-Sterne-Resort The Pavilions Himalayas und das eher einfache Himalayan Deurali Resort – beide mit feinem Berg-Ausblick, wenn, ja wenn (s. oben)…

Blick auf die Annapurna-Gipfel, die sich über den Wolken in ihrer ganzen Schönheit zeigen (Foto: Alexander Richter)
Annapurna-Gruppe in Nepal

Wir waren sieben Tage in Nepal und haben bis zuletzt die Hoffnung gehabt, einen Blick auf die höchsten Berge der Welt zu erhaschen. Es ist nichts draus geworden. Dichter Smog vereitelte sogar alle Flüge. Der Wolkengott war uns nicht hold und zeigte uns die lange Nase (die wir freilich auch nicht gesehen haben). Immerhin: Beim Rückflug nach Delhi hat die Kumari wohl ihre Beziehungen spielen lassen – der Annapurna-Gipfel präsentierte sich uns über den Wolken in seiner ganzen Pracht. Immerhin.
 
Text und Fotos: Alexander Richter (ari)

Hinweis der Redaktion
Diese Reportage wurde unabhängig recherchiert, geschrieben und fotografiert. Logistische Unterstützung kam von Air India und Geoplan Privatreisen (Berlin).

Infos

Anreise
Diverse Airlines fliegen Kathmandu an, darunter Air India, Oman Air, Ethiad- und Qatar-Airways, auch Turkish Airlines. Alle Flüge werden mit Zwischenstopps geflogen, Direktflüge von Deutschland gibt es leider nicht. Tipp: Stopover in New Delhi oder Abu Dhabi etc. einplanen.

Einreise
Ein Visum gibt es bei der Einreise über den internationalen Airport in Kathmandu vor der Passkontrolle am Automaten.

Literatur
Gut und günstig ist Iwanowski‘s 101 Geheimtipps und Top-Ziele Nepal. Von Volker Häring. Dieser etwas andere Reiseführer ist (trotz des blödsinnigen Geheimtipp-Titels) ein extrem nützlicher Begleiter für eine Reise auf das Dach der Welt. Alle wichtigen Themen werden kurz, knapp und kenntnisreich besprochen. So soll es sein. ISBN: 978-3-86197-122-1, 14 Euro.

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Nepals Staatsflagge (Foto: Alexander Richter)
Nepals Staatsflagge

Kommentar
Das Leben ist oft ungerecht. So wird derzeit das kleine und arme Nepal abgestraft. Als auf dem Dach der Welt 2015 die Erde bebte, Tausende Menschen in den Tod riss und viele andere obdachlos machte, beschloss die internationale Tourismusgemeinde: „Da kann man nicht mehr hin, da ist’s gefährlich, da ist alles zerstört.“ Vorurteile, die von oberflächlichen Recherchen ihre Nahrung erhalten. Es soll hier nichts beschönigt werden: Der Wiederaufbau schleppt sich dahin, vieles versinkt in behördlichem Chaos und in amtlicher Unfähigkeit. Aber: Die Menschen in dem kleinen Himalaya-Staat können für das ganze Desaster nichts. Bis auf ganz wenige Ausnahmen kann man das Land längst wieder komplett und sicher bereisen. Spenden ist eine Form der Hilfe. Hinfliegen und sich umschauen eine andere. Die Menschen, die in Nepal vom Tourismus leben, haben das verdient. Nichts ist schlimmer als wegzubleiben. (ari)

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