Südpolen

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Südpolen: Die Schlösser im Tal

Schlesien heute: Breslau, Schneekoppe und ein tolles Museum in Kattowitz

Schloss Wojanów (Schildau); Foto: Alexander Richter
Schloss Wojanów (Schildau)

Das  Hinweisschild scheint eindeutig: „Nie toalety!“ Was mehr oder weniger bedeutet: Auf dem höchsten Gipfel im Riesengebirge gibt es keine Örtlichkeit mit der Doppel-Null. So weit, so schlecht und: Jetzt bloß nicht mehr müssen müssen! Lieber schnell noch ein Geschäft erledigen in der Schlesierbaude auf halber Höhe… Doch dann oben auf der Schneekoppe (1.603 m) die Überraschung: Wer muss, der kann. Muss aber rüber machen  – auf die tschechische Seite. Die offene Gipfel-Grenze zum EU-Nachbarn, der sich im Tourismus (nicht nur wegen OO) um einiges cleverer anstellt als Polski, macht’s möglich. Ein Reisetagebuch einer Tour durch den Süden Polens, durch das alte Schlesien.

Breslau: Europas Kulturhauptstadt 2016 (Foto: Alexander Richter)
Breslau

Wroclaw (Breslau)
Richtig schön ist zum Beispiel Breslau, das längst Wroclaw heißt, sich als Europas Kulturhauptstadt 2016 feiert und feiern lässt und die einzige große Stadt in Niederschlesien ist. Mit viel Kunst und einem tollen Marktplatz, der wie überall bei unseren Nachbarn im Osten als „Rynek“ die gute Stube der Stadt ist. Die glänzt mit bunten Giebelhäusern, mit altem und neuem Rathaus, mit viel Gastronomie, die man besser links liegen lässt, weil man abseits des Platzes meist besser isst, zum Beispiel nahe der alten Synagoge im „La Maddalena“.

Wroclaw ist eine weltoffene Studentenstadt, was man im Sommer immer wieder freitagabends besonders zur Kenntnis nimmt, wenn „die Szene“ auf den Oderwiesen Party feiert. Durch die vielen internationalen Gäste und viele demokratische Diskussionen erinnert „Pis“ in Wroclaw eher an das gleichnamige Männeken in Brüssel denn an jene politische Partei, die das Land derzeit auf strikten Rechts-Nationalkurs („Poland first“) zu trimmen versucht.

Breslaus prächtige Giebelhäuser (Foto: Alexander Richter)
Breslau
Bronzene Zwerge führen durch die Stadt (Foto: Alexander Richter)
Breslau,

Tipp: Berlin hat seine Bären, andere Städte haben Kühe oder Hasen. In Wroclaw stolpert man immer wieder über bronzene Mini-Zwerge. Die mehr als hundert kleinen Zipfelmützen-Gesellen schauen immer ganz frech und hämisch aus der Wäsche und erinnern an skurrile Widerstand-Happenings zur Zeit des Kriegsrechts in Polen, die als eine Art künstlerischer Protest den Anfang vom Ende des Sozialismus in Polen mit einläuteten. In der Touristinfo am Rynek gibt’s den entsprechenden Gnom-Führer durch die Stadt.
Die Oder und ihre Inseln sind ideal für eine Bootspartie oder einen Sonntagsspaziergang,  die Domspitzen von St. Johannes dienen als omnipräsente Orientierungshilfe.

Denkmal für die schlesischen Aufständischen in Katowice (Foto: Alexander Richter)
Katowice, Polen

Katowice (Kattowitz)
Weiter geht’s nach Oberschlesien – die schlesische Hauptstadt Katowice (Kattowitz) heißt das nächste Ziel. Die immer noch ziemlich graue Kohlestadt setzt längst auf immer mehr weiße Industrie und hat seit kurzem ein erstklassiges Museum, das neben mehreren Galerien ziemlich ungeschminkt und politisch neutral die schlesische Industrie- und Kulturgeschichte erzählt. Schon das äußere Ambiente ist eindrucksvoll: Gläserne grünlich schimmernde Kuben und Quader gewähren tiefe Einblicke und versinnbildlichen den Blick in die einstige Kohlegrube an gleicher Stelle. Katowice, einst ein Inbegriff für Dreck und Schmutz, legt langsam sein hässliches Gesicht ab.

Tipp 1: Am Museum auf den alten Förderturm auffahren (ist im Eintritt enthalten).

Tipp 2:  Das Denkmal für die schlesischen Aufständischen hat als ein monumentales Überbleibsel des sozialistischen Kunstgeschmacks  überlebt – spannendes Fotomotiv mit einem Giganto-Wohnblock im Hintergrund.

Das schwierigste Ziel einer Reise durch Südpolen: der Besuch des Konzentrationslagers Auschwitz (Foto: Alexander Richter)
Auschwitz

O´swiecim (Auschwitz)
Das schwierigste Ziel unserer Reise, das jeder Deutsche auf Südpolen-Tour besuchen sollte. Was soll man zu Auschwitz noch schreiben? Es ist alles gesagt – das KZ und Vernichtungslager bleibt für alle Zeiten das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte. Im Sommer ist der Andrang der internationalen Besuchergruppen derart groß, dass man gut daran tut, die Eintrittskarten vorab im Internet zu buchen. Man bucht ein Zeitfernster (150 Minuten) mit einer verbindlichen Führung in Deutsch. Leider werden dabei dann nur Fakten im Schweinsgalopp abgehandelt – von Innehalten oder gar Gedenken kann keine Rede sein. Die polnische Präsentation von Auschwitz lässt Würde vermissen - noch nicht einmal eine Kerze für die Opfer ist aufgestellt. Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht mehr, dass vor Jahren sogar ernsthaft über die Ansiedlung eines Supermarktes auf dem KZ-Gelände diskutiert wurde.

Opole (Oppeln)
Opole, eine Kleinstadt, in der noch viel Deutsch gesprochen wird, ist immer gut für eine kurze Pause. Zum Beispiel im „Klein-Venedig“ an der Oder oder auf dem Rynek. Hier darf der Gast auch gerne und lauthals ein Liedchen schmettern – Opole gilt als die Hauptstadt des polnischen Schlagers – mit jährlichem Festival und einer Allee mit derzeit 38 sternförmigen Bronzeplatten…

Hirschberger Tal
Wo einst Preußens Glanz und Gloria glänzte und das wohlgesinnte Berliner Hof-Gefolge lustig und lustvoll abhing, die Seele baumeln ließ, sich in den sprudelnden Thermalquellen von Bad Warmbrunn (heute Cieplice) aalte und fröhliche Feste feierte, kann es so verkehrt nicht sein. Im niederschlesischen Tal der Schlösser bei Jelenia Góra (Hirschberg), gar nicht weit von Görlitz, kann man auch heute wieder herrlich abspannen und urlauben. Die Vielfalt an Schlössern (Zamek), Villen und Herrenhäusern (Palac), die im Polen der Ostblockzeit meist zweckentfremdet wurden und entsprechend heruntergekommen waren, ist überschaubar groß. An die 30 Prachtbauten sind es im Tal insgesamt, von denen viele nach der politischen Wende für viel Geld (mit EU- und Privatmitteln, u.a. auch aus Deutschland) feinst renoviert wurden. Schön daran ist auch, dass dies mehr oder weniger als polnisch-deutsche Kooperationsaufgabe verstanden wurde und wird (www.talderschloesser.de)

Heute ein 5-Sterne Hotel: Schloss Wernersdorf und seine Inhaber Ingrid und Hagen Hartmann (Foto: Alexander Richter)
Palac in Pakoszów, Schloss Wernersdorf

Der „erste Palac am Platze“ steht in Pakoszów (Wernersdorf). Ein Ärztepaar aus dem Saarland hat die ehemalige barocke Leinenbleiche aus dem Familienbesitz wiedererworben und mit viel Verstand aufwändig  in ein charmantes Boutiquehotel (5 Sterne) verwandelt. Das Haus überzeugt mit 19 Zimmern und Suiten, in denen der gewagte Spagat zwischen altem Gemäuer, elegantem Luxus  und moderner Technik nahezu perfekt gelungen ist.
Tipp: Das schlosseigene Restaurant überzeugt mit einer kleinen, aber feinen Karte. Infos: www.palac-pakoszow.pl

Spannend auch die Entwicklung in Lomnitz (Lomnica), wo das Ehepaar Elisabeth und Ulrich von Küster am Fuße des Riesengebirges das alte Familiengut (mit Schloss und Schlösschen), das 1991 nur noch mit viel Fantasie an alte Herrlichkeit erinnerte, mit viel Mut zum Risiko zurückgekauft hat.  Mit allen möglichen Unterstützungstöpfen- und geldern und noch mehr Eigenengagement mutierte die Gutsruine wieder zu einem zauberhaften schlesischen Landschloss. Im sogenannten „Witwenschloss“ laden zum Verweilen ein: 18 Hotelzimmer und Appartements, zwei Restaurants, ein deutsch-polnisches Kulturzentrum, ein gepflegter Schlosspark, den einst nach Plänen des großen Gartenkünstlers Lenné angelegt wurde, ein Landkaufhaus im Leinenspeicher (für textile Produkte und allerlei Selbstgemachtes), eine Bäckerei sowie ein Gutshof, der auf gut Schlesisch „Dominum“ genannt wird. Hausherrin Elisabeth von Küster, eine geborene Ebner von Eschenbach, lacht und sie lacht gerne und viel: „Hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein.“  Pferde, Schafe, Schweine, eine Schmiede, jauchzende Kinder – so oder so ähnlich sieht wohl eine Idylle aus. Besonders eindrucksvoll wird das demonstriert im November – zu Gänsewochen und zum Schlesischen Pfefferkuchenfest.  Infos: www.palac-lomnica.pl

Hausherrin Elisabeth von Küster vor ihrem Schloss in Lomnitz (Foto: Alexander Richter)
Schloss Lomnitz, Lomnica

Auf unserer Tour durchs Hirschberger Tal, das vielleicht eines Tages als Weltkulturerbe Anerkennung findet, legen wir auch noch Schlösser-Stopps zur Stippvisite in Wojanów (Schildau) und Staniszów (Stonsdorf) ein – beide Häuser dienen ebenfalls als Hotel, und aus Stonsdorf kam ursprünglich der einst stark gefragte Magenbitter, den man natürlich vor Ort noch probieren kann.

Sniezka (Schneekoppe)
Die ganze Zeit hat man vom Tal das Riesen- und  das vorgelagerte Isergebirge vor Augen – jetzt fahren wir hin. Sniezka, wie die Polen ihren Halb-Berg mit verklärtem Blick nennen, ist keine Schönheit, aber hierzulande sehr bekannt. Was wahrscheinlich eher an gesunden Produkten mit der entsprechenden Werbemelodie einer Firma namens Schneekoppe liegt als an den Geschichten von und über den Berggeist Rübezahl oder durch sudetendeutsche Heimweh-Erzählungen unserer Altvorderen. Der Weg hinauf ähnelt einem Massenauflauf. Allein sein geht hier nicht. Eine turnschuhbesohlte Karawane wälzt sich vom Ende des einsitzigen Sessellifts, der viele Jahre auf den abgewetzten Sitzen zeitigt, hinauf. Oben gibt‘s einen schönen Blick in die hügelige schlesische Landschaft. Jetzt bloß nicht „Hohe Tannen…“ trällern.

Bei der Talfahrt möchten  die Augen am liebsten in den Schlafmodus fallen, zu befremdlich wirkt das, was man da sieht: Ein Riesengebäude im Riesengebirge – wer hat denn da etwas riesig falsch verstanden? Tatsächlich handelt es sich um das Ketten-Hotel Golebiewski in Karpacz (Krummhübel), das mit über 900 Zimmern und Suiten eines der größten in Polen ist und als Dorado der feuchten Fröhlichkeit gilt. Böse Zungen nennen es auch „Sudetenstern“…  In der Nähe überrascht uns ein greller Krämermarkt des Kitsches: Plastik made in  China und viel Plüsch – die Polen scheinen solche Dinge, die unseren Geschmack so gar nicht treffen, zu lieben. Genauso wie Kartoffeln, egal, ob fest oder flüssig…

Keine Schönheit, aber sehr berühmt: die Schneekoppe, polnisch Sniezka (Foto: Alexander Richter)
Schneekoppe, Sniezka, Südpolen
Idyllische Landschaft mit Ausblick auf das Riesengebirge (Foto: Alexander Richter)
Buchwald, Riesengebirge

Weitere Informationen
www.polen.travel

Anreise
Polen lässt sich heute ohne jede Probleme im eigenen Auto bereisen. Gut zu wissen: Man fährt auch tagsüber mit Licht. Unterwegs wird zudem sehr oft die Geschwindigkeit kontrolliert. Flüge nach Breslau gibt’s u.a. mit Wizz und Eurowings.

Hotels / F&B
Sehr ordentliche Hotels gibt es in Polen inzwischen in allen  Preisklassen. Das Essen im Lande ist fast immer schwer und extrem fleischlastig. Man kann verstehen, warum Wodka nach Bier das Nationalgetränk ist…

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Literaturtipp: Polen – Der Süden  
Ein stets nützlicher und kenntnisreicher Begleiter für eine Tour durch den Süden unseres Nachbarlandes ist das Handbuch für individuelles Entdecken mit dem Titel „Polen – der Süden“. Autorin Izabella Gawin ist bestens informiert. Ihr Buch macht unterwegs viel Freude.
ISBN: 978-3-8317-2795-7
Reise Know-How Verlag, Bielefeld
Auflage 2016/17, 19,50 Euro
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Text und Fotos: Alexander Richter

Dieser Reisereport wurde unabhängig recherchiert, fotografiert und geschrieben.

Alle Angaben wurden von dem Autor nach bestem Wissen und Gewissen zusammengestellt und von der Hayit Medien-Redaktion sowie von Fernweh.de überprüft. Allerdings kann keine Gewähr oder Haftung für einen etwaigen Schaden übernommen werden.

 

 

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