Fliegen solange es noch geht

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Fliegen solange es noch geht

Der lange Abschied vom Flughafen Tempelhof

Von Frank Tetzel

Ein heftiger Streit über die Zukunft des Flughafens Tempelhof ist in der deutschen Hauptstadt entbrannt. Während die Berliner rot-rote Regierungskoalition und Umweltschützer den Flughafen schließen wollen, formiert sich seit längerem Widerstand von allen Seiten. Dabei geht es um die Erhaltung des Flugbetriebes. Das Gebäude, übrigens das drittgrößte der Welt, steht schon seit Langem unter Denkmalschutz.

Wenn meine Freundin und ich morgens am Frühstückstisch Zeitung lesen, können wir sicher sein, auf irgendeine Berichterstattung über die Schließung des Flughafens Tempelhof zu stoßen – und das seit Jahren. Mit Vehemenz fechten Befürworter und Gegner ihre Sträuße aus. Für den unbeteiligten Beobachter wird die Gefechtslage von Tag zu Tag undurchsichtiger. Während die Berliner Regierungsparteien der rot-roten Koalition den Airport schließen wollen, hat sich inzwischen eine breite Opposition gegen diesen Beschluss formiert. Und fast an jedem Tag wird von der einen oder anderen Seite eine neue Sau durchs Dorf getrieben. Die Situation ist auch deshalb undurchsichtiger geworden, weil sowohl die Deutsche Bahn – als künftiger Partner eines Investors – wie auch der Bund, als Eigentümer der Gebäude, in den Flughafenstreit eingegriffen haben. Kurz: „Fliegen Sie nach Tempelhof, solange es noch geht!“

Offenlassen gefährdet neuen Flughafen

Nach den bisherigen Planungen der Landesregierung soll der Flughafen in der Berliner Innenstadt im Zuge des Baus des neuen Airports „Berlin-Brandenburg International“ (BBI) in Schönefeld an der Berliner Stadtgrenze geschlossen werden. Der regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, und der Brandenburgische Ministerpräsident, Matthias Platzeck, haben mehrfach erklärt, ein Weiterbetrieb Tempelhofs würde die mühsam juristisch durchgeboxte Genehmigung für den BBI gefährden. Der Schließungsbescheid für Tempelhof ist erteilt. Das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg hat ihn bestätigt. Im Oktober 2008 soll die Akte „Tempelhof“ geschlossen werden.

Was wollen Bahn und Bund?

So weit, so gut. Nun kamen aber sowohl die Deutsche Bahn AG als auch das Bundesfinanzministerium mit der Idee, den Flugbetrieb hier weiterhin zu ermöglichen. Die Bahn möchte zusammen mit dem ehemaligen Chef des amerikanischen Kosmetikkonzerns Estée Lauder, Fred Langhammer und Ronald S. Lauder, aus dem Flughafen ein Gesundheits- und Kongresszentrum mit Flugverkehr für Geschäfts- und Privatmaschinen machen. Die geplanten Investitionen belaufen sich auf mindestens 350 Millionen Euro. Der Bund als Eigentümer des Gebäudes sieht bessere Vermarktungschancen für die Liegenschaft, wenn der Flughafen offen bleibt. Last but not least: Inzwischen sind auch die über 20.000 notwendigen Unterschriften für ein Volksbegehren zur Offenlassung des Tempelhof Airport gesammelt worden. Und immer wieder droht irgendwer mit irgendeiner Klage.

Lange Geschichte

Der Flughafen Tempelhof blickt auf eine lange Geschichte zurück. Er war bei seiner Inbetriebnahme 1923 der erste Verkehrsflughafen der Welt. Im ersten Jahr wurden 100 Starts und Landungen gezählt, was damals schon ausreichte, um einen Ausbau des Flughafens auf dem ehemaligen Paradeplatz des preußischen Militärs voranzutreiben. In den dreißiger Jahren führte er das Ranking der europäischen Flughäfen mit immerhin 200.000 Passagieren 1934 an. Doch die Nationalsozialisten planten Größeres: 1934 begannen nach Entwürfen des Architekten Ernst Sagebiel die Erweiterungsbauten. Der Flughafen sollte bis zu sechs Millionen Passagiere pro Jahr abfertigen können. Das Flughafengebäude war mit 284.000 Quadratmetern das flächengrößte Gebäude der Welt. Das Flugfeld wurde als ovaler Rasenplatz mit zwei Kilometer Durchmesser angelegt, so dass die damals noch relativ leichten Flugzeuge exakt gegen die herrschende Windrichtung starten und landen konnten. Die Bauarbeiten liefen selbst bei Kriegsbeginn 1939 noch weiter. Auch zu Kriegszeiten wurde der Ausbau des Flughafens bis ins Jahr 1942 vorangetrieben.

Moderne Konzeption

Die Konzeption des Flughafengebäudes war wegweisend. Getrennte Funktionsebenen für Ankunft, Abflug, Post- und Frachtverkehr, Platz für  Hotels, ein Kongresszentrum, ein Großrestaurant und Verwaltungen waren in dieser Form bis dahin nie umgesetzt worden. Heute verfügen alle modernen Flughäfen über derartige Einrichtungen unter einem Dach. So kommt es nicht von ungefähr, dass der englische Architekt Norman Foster den Tempelhofer Flughafen als „die Mutter aller Flughäfen“ bezeichnet. Das Flughallendach ist etwas Besonderes. Ragt es doch vierzig Meter in das Flugfeld hinein und ermöglicht den Passagieren kleinerer Flugzeuge im Trockenen auszusteigen. Die Planer hatten diesen Bereich ursprünglich auch als Tribünenbereich für die Reichsflugtage konstruiert, die hier stattfanden.

Geheimnisvolle Katakomben

Nach Kriegsende nahmen die US-Amerikaner den Flughafen in Besitz. Der zivile Luftverkehr wurde eingestellt. Das neue Gebäude war bis zur Übernahme durch die US-Armee noch nicht in Betrieb genommen worden. Neben den oberirdischen Gebäuden hat der Flughafen drei Kellergeschosse, die zu Kriegszeiten als Fertigungsstelle für Flugzeuge und als Bunker für die Bevölkerung dienten. Darüber hinaus fand ein komplettes Kraftwerk in den unterirdischen Katakomben Platz.

Luftbrücke und Rosinenbomber

Mit der Berlinblockade durch die Sowjetunion 1948 erhielt der Flughafen Tempelhof eine neue überragende Bedeutung: Alle neunzig Sekunden landete hier ein Flugzeug, weil nahezu alles Lebensnotwendige über die Luftwege in die abgeschnittene Stadt transportiert werden musste. Die Kommandozentrale der US-Armee zog in die Kellergeschosse des Flughafens ein. Damals entstand während der Hilfsflüge nach Berlin der Name „Rosinenbomber“: Gail Halvorsen, US Air Force Pilot, warf im Landeanflug auf Tempelhof Süßigkeiten mit Fallschirmen aus Taschentüchern aus den Cockpit-Fenstern seiner DC 3, was von vielen Piloten nachgeahmt wurde. Die “Hungerharke“, wie das Luftbrückendenkmal vor dem Flughafengebäude im Berliner Volksmund genannt wird, erinnert an diese Zeit. Ab 1950 wurde Tempelhof auch wieder zivil genutzt. 1954 verzeichnete der Flughafen bereits mehr als 650.000 Fluggäste. Der Deutschen Lufthansa und anderen deutschen Fluggesellschaften war es aufgrund des Vier-Mächte-Status′ für Berlin nicht möglich, die Stadt anzufliegen. In den siebziger Jahren stieg die Zahl der Fluggäste auf die von Ernst Sagebiel prognostizierten sechs Millionen Fluggäste, für die das Gebäude konzipiert worden war. Die Zahl wurde sogar noch weit überschritten. 1975 ersetzte man Tempelhof durch den ultramodernen Flughafen Tegel und stellte den zivilen Verkehr erneut ein.

Und wie es weiter geht

Zehn Jahre später, 1985,  wurde Tempelhof allerdings für den Geschäftsreiseverkehr wieder geöffnet. Große Flugzeuge können Tempelhof aufgrund der nur 2.116 Meter langen Start- und Landebahn nicht anfliegen. Wie es nun weitergeht? Ich denke, irgendwann wird endgültig Schluss sein für diesen geschichtsträchtigen Flughafen. Meine Freundin, meine Tochter und ich werden auf alle Fälle in diesem Jahr noch zu einem Flug von Tempelhof aus starten: Ziel – ein Rundflug über Berlin. Fliegen auch Sie, solange es noch geht.

Flughafen Tempelhof
Platz der Luftbrücke Tempelhof

Anreise:
U-Bahnhof „Platz der Luftbrücke“ mit der U6
Buslinien 104, 248

Interessant sind die Führungen des verkehrspolitischen Informationsvereins ViV e.V. Unter dem Titel „Die geheimen Welten des Flughafens Tempelhof“ zeigt der Verein Besuchern die geheimen Welten des Flughafens mit seinen Bauruinen, Kellern, verbrannten Bunkern und den gescheiterten Plänen aus dem Zweiten Weltkrieg.

Anmeldung:
Bitte die Teilnehmerzahl mit angeben:
Tel: 030 - 69512244
www.vivev.de
vivev@web.de


Rundflüge mit dem „Rosinenbomber“ von Air Service Berlin:
Mit einer Legende kann man vom Berliner Flughafen Tempelhof zu Rundflügen über Berlin starten. Mit einer klassischen DC 3, dem „Rosinenbomber“, geht es per Rundflug über Berlin.

Buchungen unter:
Tel: 030 - 53215321
Tel: 030 - 60913730
www.air-service-berlin.de
info@air-berlin-service.de


CD-ROM Flughafen Tempelhof
Zum  80. Geburtstag des Flughafens Tempelhof haben die Berliner Flughäfen einen virtuellen Rundgang durch den Gebäudekomplex herausgegeben. 360°-Panorama-Bilder von verborgenen Räumen und geheimnisvollen Gängen sind ebenso zu sehen, wie die  Ehrenhalle und das Zwischengeschoss über der riesigen Abflughalle.
Die CD-ROM kann in folgenden Läden erworben werden:
Take off - der Fliegerladen
Schreibwaren am Checkpoint Charly
KaDeWe
Dussmann
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Story of Berlin

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