Transbaikalien - Eine Flußwanderung am Ende Sibiriens

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Transbaikalien

Einsamkeit und Natur: Am Ende von SibirienEine Flußwanderung am Ende Sibiriens

Die Transsibirische Eisenbahn hält in Tschitá. Die Hauptstadt Transbaikaliens ist die letzte Station nach dem Baikalsee. Hinter Transbaikalien hört Sibirien auf, und es beginnt der Ferne Osten Rußlands

Die Schönheit und Ruhe der sibirischen Natur wollen wir auf einer Paddeltour erkunden. Zunächst reisen wir mit dem Bus von Tschitá nach Leninskij, um von dort in die sibirische Taiga aufzubrechen. Hier, abseits von allen menschlichen Siedlungen und Wegen, werden wir uns einen Katamaran bauen und über verschiedene sibirische Flüsse fahren, bis wir schließlich nach acht Tagen wieder in Leninskij ankommen.
In Tschitá selbst haben wir nur einen kurzen Aufenthalt. Der Tschitáer Oblast´ – die lokale Verwaltungseinheit Tschitás – ist etwa so groß wie die Bundesrepublik Deutschland. Jedoch leben nur knapp 1,4 Millionen Einwohner in diesem Gebiet. Die Stadt selbst wirkt mit ihren etwa 400 000 Einwohnern eher provinziell. Der Stadtkern ist relativ klein, und man findet noch einige schöne Jugendstilgebäude und typisch russische Holz- und Blockhäuser. Die meisten Einwohner verteilen sich aber auf die in sozialistischem Plattenbaustil errichteten tristen  Vorstädte.
Tschitá liegt strategisch sehr günstig zu China und den USA. Aus militärischen Gründen war die Stadt daher bis vor wenigen Jahren noch vollkommen verschlossen: Die wenigen westlichen Ausländer, die es bislang in der Stadt gibt, sind daher noch immer eine Besonderheit.

Rußlands Weiten
Mit dem Bus verlassen wir das Stadtgebiet von Tschitá und kommen bald aufs flache Land, das in der Ferne von Bergen und Wäldern umsäumt wird. Hier bekommt man eine Vorstellung von den unendlichen Räumen und Ausdehnungen Rußlands. Gelb, hellgrün und ocker leuchten die ausgedehnten Felder in der warmen, trockenen Luft Transbaikaliens. Wie zufällig hingestreut liegen kleine Dörfer und Siedlungen in der weiten Ebene. Nach einiger Zeit taucht der Bus in die Wälder der sibirischen Taiga ein. Besonders jetzt, Anfang Oktober, leuchtet der Wald in der ganzen Farbenpracht eines noch warmen Altweibersommers. In etwa zwei Wochen wird es die ersten Schneefälle geben.
Über Taschen, Kisten, Koffer und Eimer voller Kartoffeln hinweg beginnen die Leute allmählich im Bus miteinander zu plaudern. Slava, mein Begleiter, hat zufällig eine Bekannte wiedergetroffen, die vor fünf Jahren Mitglied in einer der Jugendgruppen war, die Slava damals als Leiter auf Berg- und Flußwanderungen betreute.
Die Busfahrt in das ca. 250 km entfernte Leninskij dauert ungefähr vier Stunden. Übernachten werden wir bei Sergej, einem Bekannten, da die im Ort befindliche Pension lange nicht mehr benutzt wurde, und man ohne Voranmeldung vermutlich länger nach der Person suchen müßte, die den Schlüssel aufbewahrt.

Blini, Piroschki, süßer Tee
Nach drei Stunden Fahrt macht der Bus die erste längere Pause. Um die Bushaltestelle herum sind einige Marktstände gruppiert. Angeboten wird, was gerade da ist: kleine Haushaltsartikel, Süßigkeiten, taiwanesische Jeans, Plagiate westlicher Markenturnschuhe, gut durchgebratene Schaschlikspieße, Tee. Wir gehen in eine nahegelegene Stolóvaja (Kantine). Es gibt Hühnersuppe, russische Blini, Piroschki, Kartoffelbrei und Kohl. Dazu süßen Tee.
Nach einer dreiviertel Stunde, nachdem sich alle wieder am Bus eingefunden haben, geht es weiter durch die sibirische Spätsommerlandschaft. Die beste Zeit für Reisen und Wanderungen ist von Ende Juni bis Anfang Oktober. Die Zecken haben sich dann zur Ruhe gesetzt, und der sibirische Sommer erfreut mit angenehmen 20 bis 30 °C.

Feiertag – nichts geht mehr
Gegen 17 Uhr kommen wir in Leninskij, einem kleinen Dorf mit etwa 1000 Einwohnern, an. Nach einem ausgiebigen Abendessen bei Sergej und seiner Familie, die so gut wie alles an Lebensmitteln selbst macht, genießen wir noch den herrlichen Anblick einer rotglühend hinter den bewaldeten Bergen untergehenden Sonne.
Am nächsten morgen geht es um 5 Uhr los. Wir wollen einen der Lkws abpassen, mit denen die Waldarbeiter um diese Zeit in die Taiga fahren. Für ein paar Rubel extra sollen sie uns an den Ausgangspunkt unserer eigentlichen Wanderroute bringen. Doch leider nimmt uns einer der Wagen nur bis zur wenige Kilometer entfernten großen Holzbrücke mit, an der die Forstleute einen Kontrollposten errichtet haben. Eine Schutzmaßnahme, mit der man versucht, den Wilderern Herr zu werden. Weiter in den Wald hinein fährt zu unserem Pech an diesem Morgen niemand.
Ein Relikt aus der Zeit der Sowjetunion sind die sozialistischen Feiertage. In der UdSSR war es üblich, daß jeder Berufsstand seinen eigenen Feiertag hatte. Erst im Laufe des Vormittags erfahren wir, daß ausgerechnet heute „Tag der Förster und Waldarbeiter“ ist.
Der Förster, der an der Brücke Wache hält, rät uns, noch etwas zu warten, vielleicht komme ja doch noch jemand vorbei. Wir vertreiben uns die Zeit mit Angeln. Am späten Nachmittag haben wir schließlich Glück und begegnen einem Cousin Sergejs, der ebenfalls Sergej heißt. Er fährt eine Ural mit Beiwagen, wie die meisten hier – ein Nachbau der BMW Motorräder aus den 50er Jahren.


Frische Bärenspuren
Nach der aufregendsten Motorradtour meines Lebens kommen wir nach zwei Stunden an unserem Zielort an. Das erste, was mir in dieser wunderschönen menschenleeren Landschaft auffällt, sind Bärenspuren mitten auf dem einzigen Weg – größer als meine Hand! Sergej meint nur lakonisch, daß es ganz frische Spuren von einem jungen Bären seien, höchstens eine Stunde alt. Slava nickt. Bei einem kleinen Abendessen tauschen die beiden Anekdoten über Begegnungen mit Bären aus. Es komme nur selten vor, daß ein Bär einen Menschen anfalle. In der Regel seien sie scheu und ängstlich, es sei denn, eine Bärin fühlt sich und ihre Jungen bedroht. Oder sie befinden sich im Herbst auf Futtersuche kurz vor dem Winterschlaf oder wurden von einem Wilderer angeschossen. „Wenn ein Bär dich angreift, kannst du vor ihm nicht davonlaufen“, resümieren meine beiden Begleiter fachmännisch. Ein Bär läuft schneller als ein Mensch, er klettert besser und schwimmt schneller.
Nach diesen beruhigenden Worten verabschiedet sich Sergej und knattert auf seiner Ural wieder davon. Slava und ich schlagen uns mit unseren Rucksäcken in das mannshohe Gebüsch. Während ich jederzeit damit rechne, plötzlich einem zwei Meter hohen Bären gegenüberzustehen, macht mich Slava auf das Murmeln eines kleinen Flusses aufmerksam. Das ist der Uschmún, der an dieser Stelle höchstens drei, vier Meter breit ist. Über den Uschmún werden wir in den nächsten Tagen bis in die Ingodá kommen und nach einigen weiteren Tagen wieder in Leninskij sein. Übernachten werden wir in kleinen Forsthütten, Simawjó genannt, die jeweils einen Tagesfußmarsch auseinander stehen.

Die Ruhe der Taiga
Der nächste Morgen ist wieder wunderschön sonnig. Sofort machen wir uns an die Arbeit, einen Katamaran aus Birkenstämmen zu bauen. Als Kufen benutzen wir zweieinhalb Meter lange aufblasbare Ballons, die wir zusammen mit den Paddeln mitgebracht haben.
Dann geht es endlich los. Gegen Mittag steigt die Temperatur auf etwa 25 °C. Wenn wir etwas trinken wollen, tauchen wir einfach die Hand oder eine Schöpfkelle ins klare kalte Wasser. „Geübte Kanuten können auch vom Paddel trinken“, sagt Slava und macht es mir vor. Es erfordert sehr viel Geschicklichkeit. Ich würde dabei verdursten.
In den ersten Tagen kommen wir nur relativ langsam voran, im Schnitt 10 - 20 km am Tag, je nachdem wie stark die Strömung und wie tief das Wasser ist. An flachen Stellen bleiben wir oft in kleineren oder größeren Stromschnellen hängen und müssen den Katamaran über die Steine hieven. Wenn das Wasser tief genug ist, können wir über weite Strecken gemütlich vor uns hin paddeln und uns von der Strömung treiben lassen. Dann ist Zeit, um die herrliche Ruhe und Schönheit der Taiga Transbaikaliens zu genießen. Große Tiere wie Edelhirsche oder Braunbären sieht man auf so kurzen Streifzügen wie unseren selten. Dafür finden wir aber überall am Ufer ihre Spuren. Einmal entdecken wir einen Luchs zwischen den Bäumen, der sich eine Zeitlang von uns beobachten läßt und dann im Dickicht verschwindet. Um so häufiger sehen wir alle Arten von Vögeln. Besonders beeindrucken die Greifvögel. Darüber hinaus gibt es hier Große Wiesel, Streifenhörnchen, Zobel und viele andere Marderarten.
An einer flachen kiesigen Stelle halten wir an und begeben uns im seichten Flußbett auf die Suche nach Halbedelsteinen. Transbaikalien ist berühmt für seine Gold- und Edelsteinvorkommen. Leider haben wir in der kurzen Zeit kein Glück und finden nur ein paar schöne bunte Kieselsteine. Edel- und Halbedelsteine sollten übrigens verzollt werden.

Abenteuer ohne Komfort
Am vierten Tag erreichen wir die wesentlich breitere und tiefere Ingodá. Die Einmündung des Uschmún ist von langgezogenen Stromschnellen mit einem Gefälle über die ganze Strecke von insgesamt 5 bis 6 Metern gekennzeichnet. Die Ingodá zieht sich hier durch schroff aufragende Steilfelswände hindurch. Die Strömung der Ingodá ist zwar stärker, aber es gibt wenig Stromschnellen, so daß wir schneller und bequemer voran kommen. Da bleibt auch mehr Zeit zum Fischen, Beeren und Pilze sammeln. Bei langen Landaufenthalten sollte man sich gerade mittags mit einer Antimückencreme einreiben. Als wir nach acht Tagen am späten Nachmittag wieder Leninskij erreichen, freuen wir uns schon auf ein ausgiebiges warmes Bad und die köstliche Bewirtung bei Sergej und seiner Familie. Am nächsten Morgen geht es dann mit dem Bus wieder zurück nach Tschitá.
Unsere kleine Paddeltour ist nur eine von zahlreichen Möglichkeiten, die man in Transbaikalien hat. Ob es nun Boots-, Bergtouren oder Wanderungen zu den traditionellen Siedlungen und den buddhistischen Heiligtümern der Burjäten, den Ureinwohnern Transbaikaliens, sind, immer wird man von der Schönheit und der Ruhe der sibirischen Natur fasziniert sein.
Man sollte sich jedoch auf eine Abenteuerreise ohne jeden gewohnten Komfort einstellen. Slava hält daher auch physische Gesundheit, Sportlichkeit, ein gewisses Improvisationstalent und Geduld für unabdingbare Voraussetzungen, um eine solche Reise antreten zu können. „Außerdem“, so fügt er lachend hinzu, „sollte man keine Angst vor Wasser oder frischen Bärenspuren haben.“

Volker Schick

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