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Pécs – Kulturhauptstadt 2010 besticht durch ihre mediterrane Atmosphäre

Das Reiterstandbild des János Hunyadi befindet sich auf dem Platz Széchenyi tér<br>(Foto: Anne Kotzan)

Die Perle in Ungarns Süden

Pécs ist alles andere als eine verschlafene Kleinstadt. Reisenden wird hier vor allem kulturell viele sehenswerte Dinge geboten.

Allein der Versuch einer Annäherung an Pécs durch die Assoziation mit einer Großstadt, was sie de facto für Ungarn ist, ist von vornherein zum Scheitern verurteilt. Die einzig wirklich große Stadt des Landes ist Budapest. So ist Pécs mit 160.000 Einwohnern nicht mehr als ein beschauliches Städtchen. Doch statt verschlafener Kleinkariertheit findet man Charme und Esprit.

Von Budapest kommend geht die Fahrt schließlich über eine kurvenreiche Straße durch das dicht bewaldete Mecsek-Gebirge. Im Schatten der Buchen, Eichen und Akazien leben zahlreiche Rehe, Wildschweine und Hirsche. Sehen lässt sich aber nur ein über den Wipfeln seine Kreise ziehender Raubvogel. Im Juni würden die Akazien in voller Blüte stehen und einen betörend süßlichen Duft verströmen. Jetzt leuchten die gelbgolden Blätter in der Herbstsonne. Dann öffnet sich ein zauberhaftes Panorama in die weite Ebene des Drava-Flusses, sanft wie eine Geliebte schmiegt sich die Altstadt von Pécs an die Schultern des Mecsek. Über winkligen Gassen und einem roten Dächermeer erheben sich zahlreiche Türme.

Auf dem Hauptplatz Stugetvár ist der mediterrane Flair deutlich zu spüren<br>(Foto: Anne Kotzan)

Pécs als Schmelztiegel verschiedener Völker und Religionen

„Die Sonne beleuchtete die Stadt auf eine ganz eigenartige Weise und irgendein außerordentlich angenehmer Duft schwebte über ihr, was dem Ganzen einen gewissen Zauber gab.“ In nichts unterscheidet sich mein erster Eindruck von dem dieses Reisenden von 1839. „Wo im Frühling Mandelbäume blühen und Feigen Früchte tragen, an den Hängen feurige Rotweine und blumige Weißweine gedeihen, da hat es die Menschen schon von alters her hingezogen.“ Mein Reiseführer bestätigt die schon lange zurückreichende Vorliebe der Menschen für diesen Ort mit seinem mediterranen Klima. Auch ohne Meer fühlten sich die Römer hier heimisch. Sie schätzten vor allem die vor kalten Nordwinden geschützte Lage, gründeten die Stadt Sopianae und brachten den Weinbau und das Christentum in die Region. Über eine Kultivierung von Tabak ist nichts bekannt, doch tragen die im heutigen Pécs produzierten Zigaretten traditionsbewusst den lateinischen Namen. Stolz nennen Einheimische ihr Sopianae auch die Zweitausendjährige.

Im frühchristlichen Museum befindet sich eine Kapelle mit sieben Apsiden<br>(Foto: Anne Kotzan)

Karl der Große gab ihr rund sechshundert Jahre nach den Römern den Namen Quinque Basilicae, der bis heute in ihrem deutschen Namen Fünfkirchen („Five Churches“) überliefert ist. Als sie um 1000 schließlich die Ungarn übernahmen, gründeten diese ein Bistum und umgaben die Stadt mit starken Mauern. Mit der Eigenwilligkeit des alten Nomadenreitervolkes aus dem Ural orientierten sie sich hingegen an alten slawischen Bezeichnungen wie dem kroatischen Pecuj und nannten ihre Stadt kurz Pécs.

Steinernes Zeugnis des Zusammenlebens vieler Völker – die Innerstädtische Pfarrkirche in Pécs<br>(Foto: Anne Kotzan)

Als blühendes Handelszentrum gelangte Pécs ab 1543 für hundertundfünfzig Jahre unter türkische Herrschaft. Die Muslime brachten der aufstrebenden Stadt osmanisches Flair mit Bädern, Basaren und Moscheen. Dann folgten mit der christlichen Rückeroberung 1686 deutsche Einwanderer und vermischten sich mit den übrigen hier bereits lebenden Völkern. Dieser Schmelztiegel der unterschiedlichen Kulturen hat den Charakter der Stadt und seiner Bewohner bis heute geprägt. Vielleicht haben ja auch der Humanist Janus Pannonius und die Universität von 1367, die fünftälteste Europas, etwas von ihrem Geist hinterlassen – Beim Flanieren auf der prachtvollen Király Straße mit dem romantischen Theater, in einem der zahlreichen Cafés oder beim Shopping spürt man bis heute die offene Herzlichkeit der Einwohner auch Fremden gegenüber.

Die ehemalige Moschee wird heute als Gotteshaus genutzt<br>(Foto: Anne Kotzan)

Steinernes Zeugnis dieses Zusammenlebens vieler Völker ist die Innerstädtische Pfarrkirche. Als Moschee aus den Resten einer mittelalterlichen Kirche errichtet, dient sie nun wieder als christliches Gotteshaus. Als Zeichen ihres konfessionellen Wandels schmücken die Kuppel der ansonsten eher schlichten Pfarrkirche Kreuz und Halbmond. Diese einträchtige Nachbarschaft von Christentum und Islam spiegelt sich auch in den beiden Reliefs an der Front, die ein Bibelzitat und eine Koransure zeigen.

Jánus Hunyadi und Mikós Zrínyi wachen über die Kulturhauptstadt

Oberhalb des ansteigenden, lang gestreckten Széchenyi Platzes scheinen ihre hellen Steinquader in der Sonne zu leuchten. Links und rechts umrahmen prächtige Bauten den Platz. Seine Umgestaltung zum Kulturhauptstadtsjahr mit zwei Brunnenflächen, die im Sommer nicht nur Kinder zum Spiel motivieren, ist bei der Bevölkerung nicht unumstritten, aber der Platz ist weiterhin beliebter Treffpunkt und Oase inmitten des städtischen Treibens.

Széchenyi tér ist ein Treffpunkt für Jung und Alt<br>(Foto: Anne Kotzan)

Auf einer Bank komme ich ins Gespräch mit einem älteren Herren mit weißem Schnauzbart. Er stellt sich als Herr Horváth vor. Sein Vater stammt aus einer schwäbischen Familie mit ungarischem Namen, der übersetzt Kroate bedeutet, seine Mutter ist slawisch mit jüdischen Vorfahren. Auch er ein Resultat der Vielvölkerstadt.

Auf seinen Stock gestützt klärt er mich über die ungewöhnliche Positionierung des Reiterstandbildes vor uns auf. János Hunyadi schaut nicht als Verteidiger in die Ebene, auch nicht zur Kirche hinauf, sondern wie zum Angriff bereit blickt er gen Westen, sein Pferd kann er kaum zügeln. Es scheint, als wolle er seinem Landsmann, dem Feldherren Mikós Zrínyi, bei der Verteidigung von Szigetvár gegen das Heer von Sulejmann II. dem Prächtigen zur Hilfe eilen. Zrínyi soll 1566 mit wenigen Männern 33 Tage dieser übermächtigen Belagerung standgehalten haben. Nur lebte Hunyadi rund hundert Jahre zu früh! Das Schicksal der Zeit machte aber auch vor dem hoch betagten türkischen Sultan nicht Halt. Drei Tage vor seinem Sieg starb er.

 

János Hunyadi wacht über den Széchenyi tér<br>(Foto: Anne Kotzan)

Zeit spielt auch für meine neue Bekanntschaft keine Rolle. Früher verlief das ganze Leben viel ruhiger und man hatte Zeit sich Geschichten zu erzählen, heute müsse man schon auf Touristen warten, die sich für die Stadt interessierten, klagt er mir, nicht ohne dabei ein verschmitztes Lächeln aufzusetzen. Dabei nickt er gewichtig mit dem Kopf. Anstelle des öffentlichen türkischen Bades erhebt sich heute eine barocke Dreifaltigkeitssäule. Und da, wo wir jetzt sitzen, teilte einst eine Häuserzeile den Platz in zwei kleinere Plätze und man hörte die Händler ihre Waren feilbieten. Der Széchenyi Platz war unter all den unterschiedlichsten Herrschern, ob unter Kreuz oder Halbmond, immer Marktplatz gewesen.

Vom plätschernden Springbrunnen aus hat man einen ausgezeichneten Blick auf die Pfarrkirche<br>(Foto: Anne Kotzan)

Vom einstigen Bad des Paschas Memi nahe der gotischen Franziskanerkirche sind noch einige steinerne Fragmente als Ruinengarten zu erkennen. Während der türkischen Besetzung war die Kirche in eine Moschee umfunktioniert worden und 1687 wieder in eine Kirche. Erhalten ist dagegen die Pascha-Moschee mit dem schlanken Minarett. Genutzt wird sie noch von den in Pécs studierenden Mohammedanern, weiß er zu berichten.

Ein ganz besonderer Liebesbrauch: Schlösser mit persönlichen Gravuren werden aneinander befestigt und die Schlüssel weggeworfen, um eine Trennung zu verhindern<br>(Foto: Anne Kotzan)

Langsam gehe ich mit Herrn Horváth den Platz hinunter. Er hat mich gebeten, ihn zur nahen Apotheke zum Granatapfel zu begleiten. Ich halte die Tür auf und folge ihm ins Innere. Während wir uns anstellen, habe ich Zeit mich umzuschauen. Kaum zu glauben, die hübsche Nussbaumeinrichtung im Louis-XVI-Stil dient bis heute zur Aufbewahrung von Tuben, Töpfen und Tiegelchen, aber ebenso für die Medikamente der großen internationalen Pharmakonzerne. Mein neuer Bekannter nimmt seine Béres-Tropfen in Empfang und hält sie mir sogleich unter die Nase, nicht ohne auf die wunderbare Stärkung des Immunsystems hinzuweisen, die in diesem von Dr. József Béres erfundenen Naturheilmittel aus Spurenelementen und Mineralien steckt. Ich lasse mich schnell überzeugen und kaufe auch ein Fläschchen als Souvenir. Der nächste Winter steht schon vor der Tür.

Skulpturen, die mit schillernder Eosin-Glasur überzogen sind, zeigt das Zsolnay Museum<br>(Foto: Anne Kotzan)

Keramikkunst im Jugendstil bietet die Keramikfabrik Zsolnay

Dann wecken die metallisch-grün schimmernden Wasserspeier eines Jugendstil-Brunnens meine Aufmerksamkeit. Sie sind nach dem Vorbild eines mit Tiermotiven verzierten Goldbechers aus dem 9. Jahrhundert als Stierköpfe gearbeitet. Zur Erfrischung halte ich meine Hände unter die kleinen Kunstwerke und bewundere die bunt changierende, glänzende Oberfläche. Mein Interesse ist Herrn Horváth nicht entgangen und er hat sofort die Firmengeschichte parat. Die Keramikfabrik Zsolnay gehört ebenso zu Pécs wie die Pick-Salami nach Szeged. Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts hatte ihr Gründer Vilmos Zsolnay sie zu einer Manufaktur von internationalem Rang gemacht. Neben Ziergegenständen ist sie vor allem für ihre farbige Baukeramik berühmt, ein besonderes Charakteristikum des ungarischen Jugendstils. Die Erfindung der metallisch wirkenden Eosin-Glasur, die mich sogleich fasziniert hat, ist der Experimentierfreude des Firmengründers zu verdanken. Und mein Wunsch nach einer kleinen blau-gelb-grün schillernden Tierfigur muss kein Traum bleiben. In dem firmeneigenen Geschäft kann ich ihn mir erfüllen, sagt Herr Horváth, ob als Frosch, Nixe oder Elefant.

Wer ein prunkvolles Ambiente schötzt, sollte im Hotel Palatinus residieren<br>(Foto: Anne Kotzan)

Zsolnay-Keramik finde ich auch im schönsten Jugendstilbau der Stadt, dem imposanten Hotel Palatinus. Im Vestibül und Restaurant herrschen noch die Eleganz und der Esprit der 1920er Jahre. Zum Kaffee unter dem Pfauenmosaik erklingt Béla Bártoks Klavierkonzert aus dem Lautsprecher. Vom Kellner erfahre ich, dass der Komponist 1923 hier konzertierte und wenig weiter im ehemaligen Gasthof „Zum weißen Schwan“ Ferenc Liszt 1846 ein legendäres Konzert gab – selbst Geschichte ist lebendig in dieser Stadt.

Vasarely war ein französischer Maler und Grafiker mit ungarischen Wurzeln<br>(Foto: Anne Kotzan)

Gestärkt steigen wir die Straße empor zum christlichen Zentrum mit dem mächtigen viertürmigen Dom, dem Wahrzeichen von Pécs. Wie ein stolzes Schiff scheint die Basilika über die alte Stadt zu ihren Füßen zu wachen. Nachdem sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben, erkenne ich die farbenfrohe ornamentale Gestaltung der gesamten Kirche nach historischen Vorbildern. Herr Horváth zeigt mir einen besonders kostbaren, aus rotem Marmor gearbeiteten Renaissancealtar. Steinerne Stufen führen in die Tiefe. Hier verabschiedet sich der freundliche alte Herr. Seine Frau wartet mit dem Mittagessen und dann möchte er nach diesem Spaziergang sein wohlverdientes Nickerchen machen. Mich schickt er die Treppen hinunter auf eine Zeitreise durch die Geschichte. Unter der Kirche öffnet sich der Raum als fünfschiffige romanische Krypta mit massigen Säulen. Fantastisch. Hier angrenzend befand sich auch der frühchristliche Bestattungsplatz. Vom nahen Park aus gelange ich durch einen just 2010 fertig gewordenen Eingangstunnel in das Labyrinth der altchristlichen Grabkammern, die von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt wurden. Die Wände bedecken teilweise noch wertvolle Fresken aus dem 4. Jahrhundert. Ich erkenne die biblische Darstellung von Adam und Eva sowie das Christusmonogramm aus dem Jahr 313, das Kaiser Konstantin im Traum gesehen haben soll.

Kulinarische Spezialitäten Ungarns

Das mediterrane Flair der Stadt holt mich auf den Erdboden und in die Gegenwart zurück. Nun ist das geschmackvoll eingerichtete Restaurant mit eigener Kellerei gleich hier am Szent István Platz genau das Richtige. Anstelle der stärkenden Béres Tropfen, die mir nun sicher Herr Horváth empfohlen hätte, entschließe ich mich für die Verkostung eines hauseigenen Chardonnay-Sekts, brut, Methode Classique. Feinperlig verströmt er einen fruchtigen Duft. Sofort sind meine Lebensgeister geweckt und ich widme mich der Speisekarte. Nehme ich besser eine Gänsekeule mit Kraut, eine feurige Fischsuppe oder ein traditionelles Gulasch, ungarisch sollte es schon sein. Langsam dreht sich der Kopf von den vielen Eindrücken wie beim Blick auf ein Bild von Victor Vasarély. Kein Wunder. – 1908 wurde der Op-Art Künstler kaum 500 Meter von mir entfernt in der Káptalan Straße Nr. 3 geboren. Heute befindet sich hier ein Museum.

Text und Bilder: Anne Kotzan

INFO

Tourinform office
Széchenyi tér 1
H-7621 Pécs
Tel. 0036-72-212632
www.pecs.hu

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Király utca 5
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