Kapstadt

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Kapstadt: Miriram ... oder die Wunderwelt der Tiere

Gibt es etwas schöneres, als im Urlaub die Traumfrau zu treffen? Unserem Leser Victor Kippel standen herrliche Ferientage in Südafrika bevor. Doch es gab da ein Problem

„Guten Morgen, Miriam”, rief ich fröhlich, als ich mich am Frühstückstisch im Hotel niederließ. Mein Lächeln war sicher strahlender als gewöhnlich, wenn auch mit ein bisschen Wehmut vermischt.
Nur noch vier Tage! Die Zeit raste dahin, und bald würde dieser traumhafte Urlaub in Südafrika wieder zu Ende sein. Und dabei schien er doch gerade erst begonnen zu haben. Ich konnte mich noch allzugut an die Ankunft am Flughafen in Kapstadt erinnern. An die Hektik und an die Fahrt im Hotelbus zu meiner hübschen kleinen Unterkunft. Das Hotel war ein kleiner Familienbetrieb, wo alle Gäste sich sehr schnell kennenlernten. Noch am ersten Abend lud mich ein freundliches Paar aus Hannover nach dem Essen zu einem Gläschen Rotwein ein, so dass ich mich nicht alleine fühlte. Denn die ersten Tage sind immer die schwierigsten, wenn man ohne Begleitung unterwegs ist. Es dauert einfach seine Zeit, bis man Leute kennenlernt, mit denen man gemeinsam etwas unternehmen kann.

Liebe auf den ersten Blick
Richtig begonnen hatte der Urlaub jedoch erst am nächsten Morgen beim Frühstück. Denn da traf ich Miriam...
Miriam! Schon ein kurzer Gedanke an sie ließ meinen Herzrhythmus Purzelbäume schlagen. Gab es das wirklich? Konnte man sich innerhalb einer halben Stunde beim Frühstück unsterblich verlieben? – Ich hätte es vor meinem Südafrika-Urlaub sicher abgestritten – aber nun...
Es waren all diese kleinen Gesten, die normalerweise niemanden auffallen, die mich völlig aus der Fassung brachten. Wie sie beim Lachen ihr linkes Auge spitzbübisch zusammenkniff, wie ihr beim Brötchen aufschneiden stets das Messer aus der Hand glitt, oder wie sie beim Kaffeetrinken ihre roten, vollen Lippen spitzte. Kurz und gut: es war Liebe auf den ersten Blick.
Und sie schien mich auch nicht gerade unsympathisch zu finden. Wir unterhielten uns sofort sehr angeregt, und jedesmal, wenn sich unsere Blicke trafen, spürte ich einen kleinen, elektrischen Stromstoß. Sie war ebenfalls alleine unterwegs, weil eine Freundin sich kurz vor dem Abflug das Bein gebrochen hatte. Da ergab es sich fast von selbst, dass wir fortan unsere Tage gemeinsam verbrachten. Und was waren das für schöne, aufregende Tage! Die atemberaubende Natur dieses vielseitigen Landes, die Foto-Safari im Krüger-Nationalpark, ein langer Einkaufsbummel in Kapstadt, ausgedehnte Wanderungen und faule Nachmittage am Strand.

Krankhaft schüchtern
Die Spannung zwischen uns ließ keinen Moment nach. Ich war mir stets ihrer Nähe bewusst, ertappte mich immer wieder dabei, wie ich sie verträumt beobachtete und ihren schlanken, braungebrannten Körper begehrte.
Es gab da nur ein Problem: ich brachte es einfach nicht fertig, ihr meine Gefühle mitzuteilen. Denn ich war geradezu krankhaft schüchtern. Sie einfach zu berühren oder gar zu küssen schien mir noch verwegener. Wäre sie ein wenig auf mich zugekommen, hätte sie den ersten Schritt gewagt – dann hätte ich sicher meinen ganzen Mut zusammengenommen. Aber sie war in dieser Hinsicht eine altmodische Frau: Sie wartete einfach ab.
Und so kam es, dass der wunderschöne Urlaub sich dem Ende entgegenneigte, ohne dass wir einen Schritt weitergekommen wären als am ersten Morgen.
„Nur noch vier Tage!” wiederholte ich meine Gedanken laut und meinte einen traurigen Schimmer in Miriams Augen zu erhaschen. Sie fing sich jedoch schnell wieder und fragte munter: „Was wollen wir heute unternehmen?”
„Noch einmal in den Nationalpark?” schlug ich vorsichtig vor.
Sie nickte strahlend. Unsere große Tierliebe war eines der vielen gemeinsamen Interessen, die uns verbanden. Wir hatten bereits am Anfang unserer Ferien beschlossen, einen ganzen Tag im Park zu verbringen – mit Picknick und Fernglas, um so viele Tiere wie möglich in freier Wildbahn zu sehen.

Die „tierische“ Inspiration
Es war ein warmer Tag. Die Sonne schien von einem wolkenlosen Himmel. Wir hatten schnell einen geeigneten Platz für unser Picknick gefunden: Eine Reihe von niedrigem Buschwerk gab uns ein wenig Sonnenschutz, aber wir hatten einen ausgezeichneten Blick auf die Steppe.
Es dauerte nicht lange, bis Miriam mir mit dem Ellbogen einen sanften Stoß versetzte.
„Schau’ nur,” wisperte sie, „ist das nicht wunderschön?”
Zwei Dorkasgazellen hatten sich eingefunden, und die kleinere begann anmutig einige Grashalme auszurupfen. Die größere von beiden war ein Männchen: seine beiden Hörner waren gerippt und am Ende schwungvoll nach vorne gebogen.
Vorsichtig näherte er sich dem zierlicheren Weibchen und stupste es ein- oder zweimal sehr behutsam mit dem Maul am Nacken. Sie drehte sich daraufhin um und vollführte eine grazile Bewegung mit dem langen, schlanken Hals. Dann wich sie zwei Schritte zurück, blieb stehen und musterte das zweite Tier neugierig.
Ich hörte, wie Miriam neben mir den Atem anhielt.
Langsam bewegte sich das Männchen erneut auf seine Partnerin zu und warf stolz den Kopf nach hinten. Dabei durchlief ein erregtes Zittern seine wohlgeformten Ohren, die er wachsam aufgerichtet hielt.
Das Gazellenweibchen senkte jetzt den Hals und reckte vorsichtig aber fordernd das Maul nach vorne. Das Männchen vollführte einen Sprung und rieb die Innenseite seiner Hörner am Rücken des weiblichen Tieres. Nun war sie es, die von einem Zittern und Vibrieren durchlaufen wurde.
Fast schamhaft, aber voller sichtbarer Erwartung blieb sie stehen, während das Drängen des männlichen Tieres immer ungehaltener wurde. Er umkreiste sie in enger werdendem Abstand und rieb immer wieder seine Hörner an ihr. Schließlich schmiegte auch sie sich dichter an ihn, und mit einem stolzen, siegessicheren Ausdruck in den Augen richtete er sich auf, um die Vereinigung herbeizuführen.
Erst als ich Miriams leises Aufstöhnen hörte, bemerkte ich, dass ich sie in den Armen hielt und leidenschaftlich liebkoste.
„Na endlich,” flüsterte sie lächelnd und biss mir verzückt ins Ohrläppchen.

Der Urlaub liegt bereits drei Jahre zurück und Miriam und ich sind bis heute ein Paar. Vor fünf Monaten bezogen wir eine gemeinsame Wohnung. In unserem Wohnzimmer hängt nur ein einziges Bild: eine selbst aufgenommene, vergrößerte Fotografie. Sie entstand in Südafrika und zeigt ein großes Rudel anmutiger Dorkasgazellen in freier Wildbahn

Victor Kippel

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