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Usedom: Kaiserbäder und Achterland

Die Insel Usedom ist berühmt für ihre Kaiserbäder Heringsdorf, Ahlbeck und Bansin. Weniger spektakulär ist das stille Achterland hinter den glitzernden Promenaden, das zur Entschleunigung vom Stress und der Hektik des Alltags einlädt.

Das Kaiserbad Heringsdorf: Zu Kaisers Zeiten lagen hier die Sommerresidenzen der feinen Gesellschaft (Foto: Imke Feddersen)

Die Kaiserbäder

Am späten Freitagnachmittag treffen Andrea und ich am ersten Ort unserer kleinen Usedom-Reise ein, dem Kaiserbad Heringsdorf. Eine hübsche kleine Stadt mit herausgeputzten Villen im Stil wilhelminischer Bäderarchitektur. Uns zieht es zunächst an den Strand, der hier immerhin 42 Kilometer lang und an einigen Stellen 70 Meter breit ist. Pflichtübung ist ein Spaziergang, der neudeutsch jetzt „Klimawanderung“ heißt. Wie auch immer, es fühlt sich gut an: Bewegung erhöht die Atemfrequenz, die Lunge füllt sich mit einer Brise aerosolhaltiger Seeluft und das Wohlbefinden steigt.

Frisch gestählt wechseln wir auf die Promenade, die parallel zum Strand verläuft. Hier reiht sich eine prächtige Villa an die nächste, wie Perlen auf einer Schnur. Die erste wurde 1820 gebaut, vom visionären Geschäftsmann Gerhard B. von Bülow, einem Vorfahren Loriots. Dieser hatte die Bedeutung der neuen Mode des Badens im Meer erkannt, und in Heringsdorf ein erstes Logierhaus, das „Weiße Schloss“ eröffnet. Hier war der Kaiser zu Gast und mit ihm sein Hofstaat samt der Berliner Hautevolee. Eine respektable Sommerresidenz in Heringsdorf wurde zum „Must-have“ der feinen Gesellschaft; kostspielige Statussymbole, die heute kaum noch jemand privat unterhalten kann. Einer der Gründe warum viele dieser Villen, zu Apartmenthäusern umgebaut, heute an Urlauber vermietet werden. Wie zum Beispiel die berühmte Villa Staudt. Hier traf sich einst Kaiser Wilhelm II. regelmäßig mit der Dame des Hauses – einer schönen Witwe – zum Tee. Ob auch zum Tête-à-Tête, darüber ranken sich bis heute die Gerüchte. 

Viele der kostspieligen Villen sind heute zu Apartmenthäusern umgebaut und stehen Urlaubern zur Verfügung (Foto: Imke Feddersen)

Als 1876 die Bahnverbindung Berlin – Usedom in Dienst gestellt wurde, avancierte die Insel zur „Badewanne Berlins“. Nun reiste auch das einfache Volk an Usedoms Strände, bezog aber nicht in Heringsdorf Quartier, sondern in den Nachbarorten Ahlbeck und Bansin. Laut Historikern sei es in diesen Gemeinden „ungenierter“ zugegangen, und 1923 erhielt Bansin als erstes Seebad Deutschlands die FKK-Erlaubnis.
Neben den „Kaiserbädern“ gibt es auf Usedom die „Bernsteinbäder“ Zempin, Koserow, Loddin und Ückeritz. In diesen ehemaligen Fischerdörfern ist, besonders nach Stürmen, an den Stränden häufig Bernstein zu finden. Insider suchen an der Steilküste von Ückeritz, und zwar dort, wo niemand mit dem Auto hinkommt und entsprechend wenig Sammelkonkurrenz ist. Das „Gold der Ostsee“ versteckt sich übrigens gerne im Dickicht des Seetangs, der an den Strand gespült wurde.

Wasserschloss Mellenthin

Weiter geht die Fahrt, und zwar nach Liepe, wo wir übernachten wollen. Von Heringsdorf sind es etwa 30 Kilometer bis dorthin, und auf halber Strecke machen wir Halt im hübschen 300-Seelen-Dorf Mellenthin. Besuchermagnet ist hier das 1575 errichtete Wasserschloss, das 2002 in baufälligem Zustand vom jetzigen Schlossherrn Jan Fidora gekauft wurde. Nach absolvierter Lehre im Hotelfach und zusätzlicher Ausbildung als Brauer und Mälzer hatte der Ostwestfale zunächst lange nach einem Objekt gesucht, um eine Gasthaus-Brauerei zu eröffnen. Als sich schließlich diese Gelegenheit bot, griff er sofort zu. Mit finanziellen Eigenmitteln, dem Einsatz der ganzen Familie sowie westfälischer Sturheit – wie Fidora selbst sagt – gelang Stück für Stück die Renovierung des gesamten Schlosses. Sogar ein kleines Hotel wurde im Westflügel untergebracht.

Wir gratulieren zur gelungenen Arbeit und beschließen, hier zu essen. Das hausgebraute Bier schmeckt lecker, die Auswahl am großen Grillbuffet lässt nichts zu wünschen übrig, und das Ambiente unter dem Kreuzrippengewölbe des Restaurants ist urig.

2002 im baufälligen Zustand gekauft, ist das Wasserschloss heute eine urige Gasthaus-Brauerei (Foto: Imke Feddersen)

Als wir das Schloss verlassen, ist es draußen bereits stockdunkel. Wir folgen den Schildern Richtung Liepe, dem 100-Einwohner-Dorf mitten im Lieper Winkel. Dass wir uns hier im abgeschiedenen Achterland befinden, darüber besteht kein Zweifel. Die Allee, auf der wir fahren, will nicht enden, führt ins Nirgendwo wie es scheint. Plötzlich bremst Andrea. Auf der einsamen Straße, geblendet vom Scheinwerfer, stehen zwei Verwirrte: ein Fuchs und ein Hase! Diese Tiere meiden die Zweibeiner und halten sich am liebsten dort auf, wo sie möglichst Ruhe vor uns haben. Der Redewendung „Wo Fuchs und Hase sich gute Nacht sagen“ ist also nichts mehr hinzuzufügen: Willkommen im Lieper Winkel!

In Liepe haben wir ein Apartment in der „Alten Molkerei“ gemietet, einer kleinen 5-Sterne-Ferienwohnanlage. Die Unterkunft liegt am Rande des Dorfes, ist hübsch und sehr ruhig. Wir genießen vom Balkon aus die Stille und den sternenklaren Himmel. Doch die Nacht ist jung, und weder Andrea noch ich sind müde. Aber halt, da war doch was! Sind wir nicht 300 Meter von hier an einer Kneipe vorbeigefahren!? Man könnte doch mal gucken, drinnen brannte noch Licht, schlage ich vor. Aber die Außenlampe war aus, da ist nichts mehr los, die haben schon geschlossen, beendet Andrea die Diskussion. Also gehe ich auf mein Zimmer. Wohin auch sonst, die Bürgersteige sind alle hochgeklappt. Als ich im Bett liege, höre ich keinen Mucks. Nur von draußen aus der dunklen Nacht ruft irgendwo eine Eule „Uhuuh uhuuh“.

Neben der „Alten Molkerei” hat Liepe noch ihre eigene Dorfkneipe zu bieten (Foto: Imke Feddersen)

Insel-Safari

Am nächsten Tag steht eine Insel-Safari an. Gunnar, der Fahrer und Guide, holt uns in der „Alten Molkerei“ ab, stilecht im grünen Landrover Defender. Die Tour geht in den südöstlichen Teil von Usedom, und der ist grün, grün und nochmal grün: Etwa 25 Prozent der Fläche sind mit Wäldern bedeckt, dazwischen liegen Wiesen und Moorgebiete, wie der 16 Quadratkilometer große Thurbruch. Bis vor 250 Jahren erstreckte sich hier unberührter Sumpf, der unter Friedrich II. trockengelegt wurde. Doch ab und an lugt die ursprüngliche Landschaft wieder hervor, wenn Bäume und Büsche wie Mangroven  aus kleinen Tümpeln mit Brackwasser ragen.
Abends gibt es ein Picknick in freier Natur, mit gegrilltem Fisch vom Lagerfeuer sowie einem Ragout aus frischen Pilzen, die wir zwischendurch auf den Spaziergängen gesammelt haben.
Als wir wieder zurück in Liepe sind, ist es schon dunkel. Und in der Dorfkneipe brennt, genau wie gestern, nur noch in der Gaststube Licht. Die Außenlampe ist aus, also Feierabend, folgern wir seufzend.

Safari auf Usedom. Die Insel besteht zu 25 % aus Wald- und Moorlandschaften (Foto: Imke Feddersen)

Mit dem Rad durch den Lieper Winkel

Die Sonne scheint, als wir am nächsten Tag zu einer Radtour über den Lieper Winkel aufbrechen. Die Fahrräder werden den Gästen der „Alten Molkerei“ kostenlos zur Verfügung gestellt. Wer mit dem Flugzeug (Flughafen Heringsdorf) anreist, erhält sogar einen Mietwagen obendrauf. Zudem hat das Fahrrad-Verleihsystem „Usedom-Rad“ direkt an der Wohnanlage eine Station. Insgesamt gibt es mehr als 100 Stationen, die über die ganze Insel bis nach Swinemünde (Polen) verteilt sind und Radtouren zu einer äußerst flexiblen Angelegenheit machen.
Das erste Mal in meinem Leben sitze ich auf einem E-Bike und bin total begeistert: Immer wenn man etwas kräftiger treten muss, gibt der elektrische Motor einen sanften Schub. Fahrradvergnügen pur! Wir radeln auf einsamen Wegen durch Feld und Flur, winzige verschlafene, aber malerische Dörfer wie Grüssow (41 Einwohner), Reestrow (26 Einwohner, der jüngste ist 58 Jahre alt), Warthe (118 Einwohner) und Quilitz (59 Einwohner). Seit Jahrhunderten ist der Lieper Winkel eine einsame und zugleich dünn besiedelte Gegend auf Usedom. Im Jahr 1187 vererbte die pommersche Herzogin Anastasia das Dorf Liepe samt Umgebung an ein Kloster. Dessen Mönche begannen zwar das Land bewohnbar zu machen, Straßen oder Wege waren aber nicht vorgesehen. So war der Lieper Winkel bis zum Endes des 19. Jahrhunderts nur per Boot erreichbar, und die wenigen Bewohner hatten bis dahin kaum Kontakt zum übrigen Teil der Insel. Heute ist die Verkehrsanbindung kein Thema mehr, breite Landstraßen sind aber die Ausnahme.

Das Fahrrad-Verleihsystem Usedom-Rad besitzt mehr als 100 Stationen über die Insel verteilt (Foto: Imke Feddersen)

In Rankwitz machen wir Station im kleinen Hafen. In der Gaststätte „Zur Alten Fischräucherei“ probieren wir köstlichen Matjes aus eigener Herstellung. Eine weitere Spezialität ist frisch geräucherter Fisch aus dem Altonaer Ofen. Nebenan im Geschäft wird die Ware auch verkauft, deren Qualität weit über die Grenzen von Rankwitz hinaus geschätzt wird.
Während des Essens komme ich mit Peter ins Gespräch, der von hier kommt. Frage ihn, was denn im Lieper Winkel so los sei, abends. Er berichtet von der einzig erhaltenen DDR-Gaststätte auf Usedom, die müsse man gesehen haben, und die sei in Liepe.

Ich werde hellhörig und erzähle von der Kneipe, an der ich schon zweimal vorbeigefahren bin. Aber leider war dort immer schon geschlossen, nur drinnen brannte noch Licht. Peter lacht. Nein, die wäre nicht zu, bei Melitta würde die Außenlampe nie brennen. Man müsse aber klopfen, wenn man rein möchte. Gut, dass ich das jetzt endlich weiß. Unser Programm für diesen Abend steht also.

Doch als wir gegen 21 Uhr ganz gespannt vor Melittas Kneipe stehen, brennt weder drinnen noch draußen Licht, es ist geschlossen! Also endet auch dieser Abend im Lieper Winkel ruhig und zeitig im Bett, mit einem Buch.

 

 

Mein Fazit: Usedom ist eine Insel, die dem Besucher verschiedene Urlaubsvarianten bietet: Strandleben entlang der Ostseeküste, Zerstreuung und Unterhaltung in den belebten Kaiserbädern, dazu ein weites Achterland mit Flora und Fauna in Hülle und Fülle für Naturliebhaber und Ruhesuchende. Auf Aktivurlauber warten über 180 Kilometer Radwanderwege sowie weite Sandstrände, Wald und Wiesen, die zum Wandern einladen. Angeln, Surfen, Kiten und Segeln sind auf Usedom ebenfalls möglich. Zudem kann man unter dem vielfältigen Angebot von 16 Häusern mit Wellness & Spa-Bereichen wählen. Nur wer abends noch etwas unternehmen möchte, der sollte sich ein anderes Urlaubsziel suchen.

Imke Feddersen

Text und Fotos: Imke Feddersen

 

Alle Angaben wurden von der Autorin nach bestem Wissen und Gewissen zusammengestellt und von der Redaktion von Hayit Medien und Fernweh.de überprüft. Allerdings kann keine Gewähr oder Haftung für einen etwaigen Schaden übernommen werden.

Vertrauenshinweis:
Dieser Reisebericht wurde von der Autorin unabhängig recherchiert, fotografiert und geschrieben. Allerdings diente als Grundlage eine Einladung zur Pressereise von Usedom Tourismus GmbH, Waldstr. 1, 17429 Seebad Bansin, info@usedom.de, www.usedom.de

Die Villa Staudt im Kaiserbad Heringsdorf auf Usedom

Das Wasserschloss in Mellenthin, Usedom, von innen. Brauerei und Gaststätte

Die Kneipe Ostalgie im beschaulichen Ort Liepe auf Usedom. Inhaberin Meltitta.

Der Moorwald Thurbruch auf Usedom.

Blick auf die Seebrücke am Strand von Ahlbeck auf Usedom.

Das Moor im Thurbruch auf Usedom.

Lieper Winkel auf Usedom: Blick auf das Achterwasser.

Blick auf die Ostsee vom Strand in Heringsdorf auf Usedom.

Schafweide im Lieper Winkel auf Usedom.

Ansicht eines Lieper Reetdachhauses auf Usedom.

Außenansicht der Kneipe Ostalgie von Meltitta in Liepe auf Usedom.

Bernstein findet sich am ehesten unter dem angespülten Seetang.

An den Stränden der sogenannten „Bernsteinbäder” findet man das Gold der Ostsee am ehesten.

Pferde auf einer Weide im Thurbruch

Ein Picknick auf eine der Insel-Safaris auf Usedom

Ein kleiner Anleger mit altem Ford Lincoln in Warthe auf Usedom

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